Die Jet-Retter

Weltweit verdanken inzwischen Hunderte Menschen ihr Leben einem Rescue-Water-Craft-Einsatz. Grund genug, die schnellen Retter einmal näher vorzustellen.

Ein Jetski? Nein, es ist ein Rescue Water Craft (RWC). Der erste Eindruck mag täuschen und zugleich stigmatisieren. Im Gegensatz zu sogenannten Jetskis (Amtsdeutsch: Wassermotorräder) sind die RWC per Gesetz keine gewöhnlichen Freizeit- und Sportfahrzeuge und gehören als professionelle Rettungsfahrzeuge in die BOS-Familie der Rettungsboote. Der Rückblick in die Geschichte zeigt: Vor rund 40 Jahren entstand der „Ur-Jet“ als Rettungsgerät. Das Baumuster gelangt auch hierzulande vermehrt in den Fokus für BOS-Anwendungen, wie unlängst Facharbeiten aus Feuerwehrkreisen zeigten. Hilfsorganisationen, allen voran Einheiten der DRK-Wasserwacht, widmen sich zunehmend diesem Thema. Doch auch so manche Wehr zeigt Interesse.

Es ist legitim zu fragen, ob solche Einsatzmittel dienlich sind. Die RWC-gestützte Wasserrettung tritt mit hohen Zielen an – „schneller, agiler, verletzungsschonender“ als altbewährte Mehrzweckboote (MZB), Hochwasser- und Schlauchboote. Eine Kombination aus Einsatzmittel und einer speziellen Rettungstechnik und -taktik soll die Rettungskette optimieren, heißt es. Angenommen, manche Einsätze zu Wasser ließen sich wirklich in der Hälfte der üblichen Zeit erfolgreich abschließen – wäre dies Grund genug, solch ein alternatives Konzept zu prüfen? Was unterscheidet die Arbeitsweise schneller Einsatzmittel der Personenrettung? Worin liegen die Unterschiede/Alleinstellungsmerkmale der Rescue Water Crafts?

Manche Vorteile liegen auf der Hand

Solo-Aufnahme (Foto: L. Moses)
Bei Wellengang, Starkströmung oder auch im Flachwasser haben RWC weniger Probleme als das traditionelle Equipment. Die Wendigkeit und Fahrpräzision der Jets dominieren jeden Vergleich. Im Leistungsgewicht und Top-Speed (ab ca. 90  km/h) ist ein RWC kaum zu schlagen. Die schma­le Rumpfform ermöglicht es, Engstellen ab ca. 1,5  m Breite direkt zu befahren. Gleiches gilt auch für die Höhe über dem Wasser, so z.  B. bei flachen Durchfahrten. Knietiefes Wasser reicht bereits für zügiges Fahren. Sowohl Beschleunigen als auch Stoppen erfolgen äußerst platzsparend und dabei sog- und wellenarm. Selbst im unwahrscheinlichen Fall einer Kenterung ist die unverzügliche Fortsetzung der Mission möglich. Aufrichten, aufsteigen und weiterfahren. Kein Tank, der in das Wasser fallen könnte. Das gekapselte Fahrzeug erfüllt dabei alle Umweltauflagen.

Die Betrachtung der Hardware zeigt demnach einen gewissen Einsatznutzen, aber was hilft nun wesentlich bei der eigentlichen Personenrettung?

Zeit ist immer der Schlüsselfaktor

Von der Alarmierung bis zur abschließenden Übergabe an Land zählt als First Responder häufig jede Sekunde. Für die meisten FF bedeuten eine Alarmierung und das Anrücken aus dem Alltag eine komplexe Anlaufzeit. Das „first come – first go“-System bezieht seinen Zeitvorsprung aus zwei Faktoren: einfaches Handling und geringer Personalaufwand. Bereits ein kleines Team kann als First Responder per RWC schnell eine Einsatzfähigkeit auf dem Wasser herstellen, denn RWC werden als Zweierteam bzw. solo betrieben. Das Primärziel ist die schnellstmögliche, sichere Aufnahme des Pa­tien­ten und die Verbringung aus der Gefahr. Ein sichtbares „Geheimnis“ des Konzeptes ist die Ausrüstung mit einem speziellen Rettungsbrett (Rescue Sled), das für die Aufnahme und den Transport von Personen bestens geeignet ist. Die RWC-Methode nutzt diese Sleds, um die Hilfs­aktionen von Bord aus durchführen zu können, d.  h. der Sprung ins Wasser wird zumeist überflüssig. Ein echter Vorteil! Jeder Retter im Wasser kostet Zeit und erhöht zugleich das Risikopotenzial. Die internationale Praxis beweist die Wirksamkeit des Konzeptes. Begünstigt durch die Einhandbedienbarkeit des Bootes ist der Bootsführer selbst im Teambetrieb der Erstkontakter zum zu Rettenden.

 

 

Die aktive Wasserrettung im Solobetrieb ist ein Novum in der motorisierten Wasserrettung. Dabei ist die richtige Positionierung des Sleds die Grundlage für eine sanfte Personenaufnahme. Der Vorgang selbst ist angewandte Physik: Der Ver­unfallte wird über das abgesenkte Rettungsbrett direkt aus der Schwimmlage aufgenommen. Durch Entlastung und Auftrieb gelangt das Sled samt Person anschließend in die Fahrposition. Das Sled liegt auf dem ruhigen Heckfahrwasser, der Jet­antriebs­strahl wirkt dabei unterstützend. So ist die Fahrt auf dem Sled für den Passagier weitestgehend stabilisiert und erschütterungsarm.

Das Fehlen einer außenliegenden Bootsschraube und der flache Rand ermöglichen eine barriere- und gefährdungsfreie Annahme des Hilfebedürftigen, auch auf engstem Raum. Der direkte Kontakt durch den Retter erlaubt einen flüssigen Aufnahmevorgang auch bei erschöpften Personen. Im Zeitvergleich zu den anderen Methoden kann daher eine Erstversorgung an Land wesentlich frühzeitiger und umfassender stattfinden.

Weitere Überlegungen für den ­Feuerwehreinsatz

Das RWC-Konzept ist nicht für alle Lagen geeignet. Die nachhaltige Brandbekämpfung ist neben einem Einsatz tragbarer Löschmittel keine zielführende Aufgabe. Eine Onboard-Montage großen Gerätes hat sich bislang nicht bewährt. RWC sind keine Löschboote. Die Erstversorgung an Bord eines RWC ist ebenso wie ein Weitertransport von Patienten in Versorgung nicht beabsichtigt. Die Prämisse lautet „load and go“. Die Möglichkeiten zur Mitnahme von Personen oder Material an Bord sind sehr eingeschränkt. Aber: Die Wassereinsatzfahrzeuge können auch als Zugmaschinen für große Festrumpfschlauchboote eingesetzt werden. So leisteten RWC beim Elbe-Hochwasser mehrfach wertvolle Dienste.

Fazit

RWC beim Elbe-Hochwasser 2013 (Foto: L. Moses)
International betrachtet haben zahlreiche Hilfsorganisationen, Feuerwehren und behördliche Einheiten bereits RWC integriert. Die „Arbeitsameise“ unter den Booten leistet dort trotz ihrer Winzigkeit als Multitool wertvolle Dienste. Der sanfte Crash-Retter hat Stärken und Schwächen. Viele Aspekte erscheinen wesentlicher als die maximale Fahrgeschwindigkeit. Zusammenfassend kann man sagen, dass das RWC ein beachtenswertes und diskutables Einsatzmittel ist, das die Gefahrenabwehr sinnvoll ergänzen kann.

Seit einigen Jahren ist die deutsche Fa. Water Rescue national und international in Sachen RWC sehr aktiv. Feuerwehr fragte den Geschäftsführer Lutz Moses, wie dort die weiteren Aussichten bewertet werden. „Wir sehen eine positive Entwicklung. Letztendlich ist immer Effizienz und Effektivität gefragt, d.  h. nachprüfbare Leistung. Die moderne RWC-Methode vereint langjährige Erfahrungen aus ziviler und militärischer Nutzung“, so Moses. „Gewohnheiten zu ändern ist bekanntlich ein langer Weg, dennoch zeigt sich in Deutschland die gesteigerte Akzeptanz in den Einheiten. Unsere BOS-RWC sind Sonderanfertigungen. Dazu bieten wir den Einsatzkräften mit speziellen Schulungen umfangreiche Handlungskompetenzen. Mit jedem Projekt geht ein Team mit neuen Möglichkeiten und Fähigkeiten wieder an seinen Standort.“

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