Krebs und Feuerwehr

Einsatzkräfte der Feuer­wehr haben berufs­bedingt ein erhöhtes Krebsrisiko. Eine Anerkennung als Berufskrankheit gibt es bisher noch nicht.

Foto: Michael Arning

Ben sitzt in seinem Zimmer auf der Fensterbank und schaut auf die Feuerwache auf der anderen Straßenseite. Er ist fünf Jahre alt und fasziniert von den Männern und Frauen mit den großen roten Autos und dem Blaulicht und Martinshorn auf dem Dach. Wie alle kleinen Jungen träumt Ben davon, irgendwann einmal selbst Feuerwehrmann zu sein. Mit Sonderrechten bei Rot über die Kreuzungen fahren. Heldenhaft, rußverschmiert, abgekämpft und trotz allem, immer mit einem Lächeln im Gesicht der Gefahr ins Auge blickend. Sie retten ­Katzen von den Bäumen, treten Türen ein, rammen Autos von der Straße, um an die Einsatzstelle zu gelangen, und laufen da rein, wo andere herauslaufen. Sie sind seine Helden. Das ist das Bild, welches die meisten Menschen von der Feuerwehr haben, wenn man sie fragt.

Hohe Anforderungen für den Beruf

Viele wissen nicht einmal, dass man für diese Tätigkeiten eine umfangreiche Ausbildung benötigt. Bereits bei der Auswahl für die Ausbildung zur/zum Feuerwehrfrau/-mann müssen mehrere Hürden genommen und diverse Testverfahren durchlaufen und abgeschlossen werden. Auch die körperliche und geistige Eignung und Tauglichkeit sowie eine gewisse sportliche Fitness sind die Voraussetzung für eine Einstellung bei einer Berufsfeuerwehr oder für die Zulassung zum Tragen von umluftunabhängigem Atemschutz in einer Freiwilligen Feuerwehr.

Gesundheitsrisiken

Das Risiko, an Krebs zu erkranken, liegt bei diesen, meist immer noch eher männlichen, sportlich, körperlich und gesundheitlich geeigneten Bewerbern bei 10 % unterhalb des Bevölkerungsdurchschnitts und hat mit dem Healthy-Worker-Effekt * zu tun.

Es ändert sich, einer ausländischen Untersuchung zufolge, jedoch bereits nach fünf Jahren im Einsatzdienst. Da steigt das Krebsrisiko auf 20  % und nach weiteren zehn Jahren auf bis zu 30 %. Feuerwehrleute haben im Verhältnis zum Rest der Bevölkerung ein bis zu 30 % erhöhtes Krebsrisiko (siehe Grafik: Hohes Risiko).


Grafik: Tee L. Guidotti, George Washington University/ Prof. Dr. Susan Shaw

Warum ist das so?

Internationale Studien belegen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Brandbekämpfung und dem erhöhten Krebsrisiko gibt. In einer Studie der internationalen Agentur
für Krebsforschung (IARC), einer Abteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wurde Brandrauch als möglicherweise krebserregend eingestuft.

Weitere Studien, in denen über einen langen Zeitraum mehrere Tausend Feuerwehrleute betrachtet wurden, zeigen auffällig häufig signifikant erhöhte Vorkommen von bestimmten Krebsarten, wie z.  B. Hautkrebs, Prostatakrebs, Hodenkrebs oder der Non-Hodgkin-Lymphome (bösartige Erkrankungen des lymphatischen Systems, die mit einer Entartung der weißen Blutkörperchen einhergehen).

Giftiger Brandrauch

„Moderne“ Feuer sind für die Einsatzkräfte giftiger und krebserregender geworden als noch vor 15 bis 20 Jahren. Die Zeiten, in denen lediglich Möbelstücke wie „Omas gutes altes Federkernsofa“ oder der robuste Kleiderschrank aus Eichenvollholz brannten, sind vorbei.

Durch den globalen Handel mit Gütern und Dingen des täglichen Lebens, wie z.  B. Bodenbelägen, Inneneinrichtungen, Haushaltsgeräten und anderen, bei denen verschiedenste Bau- und Kunststoffarten sowie Brandhemmer verwendet werden, kommt es im Falle einer thermischen Aufbereitung und der Zufuhr von (Lösch-)Wasser zu einem Cocktail aus verschiedensten Chemikalien.

Deren Wirkungsweise auf den menschlichen Körper und in den Zellen bei einer Aufnahme (Exposition) ist noch nicht abschließend erforscht und deren Folgen noch nicht nachgewiesen. Bei einem dieser Stoffe handelt es sich um polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die bei jedem Feuer in den Rauchgasen in großer Konzentration freigesetzt werden (siehe Grafik: Brandrauch). Aktuell läuft ein Forschungsprojekt der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) dazu.

Feuerwehrleute nehmen diese toxischen, karzinogenen Stoffe über die ungeschützten Atemwege, aber auch, bis zu 400-fach, über die offenen Poren der Haut auf. Trotz dieses Nachweises wird Krebs bei Feuerwehrleuten in Deutschland, anders als z.  B. in Kanada, nicht als Berufskrankheit anerkannt, und die Retter und ihre Familien werden mit den Folgen allein gelassen.


Brandrauch enthält zahlreiche giftige und gesundheitsschädliche Bestandteile (Grafik: A. Piekuth)

100%igen Schutz gibt es nicht

Unsere Einsatzbekleidung bringt einen gewissen Schutz vor bestimmten äußeren Einflüssen. Eingearbeitete Membrane sollen das Eindringen von Wärme, Nässe, Partikeln und Fremdkörpern, ab einer gewissen Größe, verhindern bzw. einschränken.

Dennoch bieten sich, trage- und produktionsbedingt, Eintrittsmöglichkeiten für Rauchgase. Überwiegend an den Extremitäten, im Genital- sowie im Hals- und Nackenbereich finden sich Schwachstellen, an denen, wieder durch internationale Studien nachgewiesen, krebserregende Stoffe über die Haut aufgenommen werden können.

Das Skelleftea-Modell

Ein Blick zu unseren skandinavischen Nachbarn zeigt, dass es auch anders geht. In Schweden wurde über Jahre das Skelleftea-Modell erarbeitet. Bei dieser bewährten Methode soll durch eine konsequente Schwarz/Weiß-Trennung und eine Grobreinigung bereits an der Einsatzstelle eine Kontaminationsverschleppung in die Feuerwachen und -wehrhäuser verhindert oder minimiert werden.

Dazu ist es erforderlich, ausreichend Ausbildung und Aufklärung zu betreiben sowie genügend Ersatzbekleidung vorzuhalten. Sicherheit kostet Geld. Allerdings ist dieses Geld gut angelegt, wenn damit das Risiko, irgendwann einmal an Krebs zu erkranken, reduziert wird.

Was muss sich ändern?

Um auch in Deutschland eine Verbesserung der Gesundheits- und Arbeitsbedingungen von Feuerwehrleuten zu erreichen, braucht es einen gewissen Standard.

Präventionsmaßnahmen müssen gefördert, eine Aufklärung und Ausbildung der Feuerwehrleute verbessert und vorhandene Richtlinien, Vorschriften, Verordnungen und Gesetze stringenter beachtet und umgesetzt werden.

Der Arbeitgeber hat dabei u. a. die gesetzliche Verpflichtung, ein Expositionsverzeichnis zu führen, in das alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufzunehmen sind, die Tätigkeiten mit krebserzeugenden oder keimzellmutagenen Gefahrstoffen der Kategorien 1A oder 1B ausüben. Dieses Verzeichnis ist mit allen Aktualisierungen 40 Jahre nach Ende der Exposition aufzubewahren.

Bei Beendigung von Beschäftigungsverhältnissen ist der/dem Beschäftigten ein Auszug über die sie/ihn betreffenden Angaben des Verzeichnisses auszuhändigen und ein Nachweis hierüber, wie bei allen Personalunterlagen, aufzubewahren.

Als logische Konsequenz muss jedoch der Gesetzgeber eine rechtliche Grundlage für unkomplizierte, schnelle und unbürokratische Entschädigungszahlungen an Betroffene und deren Angehörige schaffen, die jahrelang ihre Gesundheit und womöglich auch ihr Leben für den Dienst an der Gesellschaft riskiert haben.

Eigene Krebsgesellschaft gegründet

Um diese nachhaltigen Verbesserungen der Gesundheits- und Arbeitsbedingungen von Feuerwehrleuten zu erreichen, haben vor Kurzem Feuerwehr­leute aus Hamburg eine eigene Hilfs­organisation für Feuerwehrleute gegründet: die gemeinnützige Unternehmergesellschaft FeuerKrebs (haftungsbeschränkt). Sie nehmen sich dieser Problematik an und suchen nach Lösungen, um die Einsatzkräfte abzusichern.

„Wir wollen den Kolleginnen und Kollegen sowie ihren Familien unbürokratisch helfen und sie in ihrem Schicksal nicht alleine stehen lassen und dafür sorgen, dass es eine pauschale Anerkennung ausgewählter Krebserkrankungen als Berufskrankheit bei Feuerwehreinsatzkräften gibt oder alternativ dazu eine rechtliche Grundlage geschaffen wird, die eine Entschädigung möglich macht“, erklärt Marcus Bätge, selbst seit mehreren Jahren Feuerwehrmann und einer der Gründer der Gesellschaft.

FeuerKrebs nimmt sich aber nicht nur der betroffenen Kollegen an, sondern sieht seine Hauptaufgabe in der Prävention und Aufklärung.

Dazu gehören u.  a.:

  • die Verbesserung der Einsatzhygiene,
  • die Weiterentwicklung der Schutzausrüstungen,
  • die Förderung und nachhaltige Verbesserung der Gesundheits- und Arbeitsbedingungen der Feuerwehrleute.

Sie kümmern sich um die Betroffenen und deren Angehörige, leisten eine multimediale Aufklärungs- und Informationsarbeit, beteiligen sich an der Erstellung neuer wissenschaftlicher Studien und vernetzen und tauschen sich mit internationalen Organisationen zu diesem Thema aus. All das können sie nur leisten, wenn sie finanziell unterstützt werden.

Damit das Bild des Feuerwehrmannes für den kleinen Ben in der Bevölkerung und auch bei den eigenen Kräften hoffentlich bald ein neues, sauberes Gesicht bekommt. Denn: Wahre Helden schützen sich – auch danach! Weitere Infos unter: www.feuerkrebs.de

Marcus Bätge

* Der Healthy-Worker-Effekt (HWE) bezeichnet einen statistischen Effekt in epidemiologischen Kohortenstudien, der einen besseren Gesundheitsstatus von Beschäftigten als den der Gesamtbevölkerung aufzeigt. Daher wird die arbeitende Bevölkerung statistisch oft als gesünder ausgewiesen. Dies ist dadurch zu erklären, dass innerhalb einer Kohorte (Personengruppe) Berufstätige einen gewissen Gesundheitszustand aufweisen müssen, um ihre Arbeit ausführen zu können, während in der Gesamtbevölkerung u.  a. auch diejenigen Personen enthalten sind, die krankheitsbedingt arbeitsunfähig sind. Dieser verzerrende Effekt bedingt, dass Vergleiche zur Gesamtbevölkerung in der Regel problematisch sind. Der Healthy-Worker-Effekt kann also zu einer Unterschätzung der arbeitsbedingten Morbidität führen, wofür langjährige Nacht- und Schichtarbeiter ein klassisches Beispiel sind.

Diesen und weitere informative und spannende Artikel finden Sie in der neuen FEUERWEHR. Weitere Themen in Heft 10/2017 sind u. a. Brandrauch und Atemschutz, Schutzkleidung, die Florian-Messe sowie Einsatzberichte und Fahrzeugvorstellungen. Das neue Heft ist ab 5. Oktober an ausgewählten Kiosken erhältlich. Eine Übersicht finden Sie hier: www.feuerwehr-ub.de/kiosk.

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