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WISSEN - 16. November 2009

Im Interview Sicherheitsfachwirt (FH) Frank D. Stolt

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„Die Zusammenarbeit zwischen der Feuerwehr und den Brandermittlern ist besser als ihr Ruf!“

CSI löst Derrick und Columbo ab!
Sicherheitsfachwirt (FH) Frank D. Stolt ist ein national und international viel gefragter Brandursachenermittler und Gerichtssachverständiger. Der öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Brand- und Explosionsursachenermittlung sagt: „Die Zusammenarbeit zwischen der Feuerwehr und den Brandermittlern ist besser als ihr Ruf!“

Wie erfolgreich arbeiten Brandursachenermittler heute?

Frank D. Stolt: Rund 200.000 Mal im Jahr rücken Feuerwehren zu Bränden aus. Etwa 25.000 fahrlässige oder vorsätzliche Brandstiftungen werden aufgedeckt, in rund der Hälfte aller Fälle bleibt der Täter jedoch unbekannt. Hier spiegelt sich wieder, welche Schwierigkeiten bei der Ermittlung von Brandursachen auftreten. Mit der Feststellung der Brandursache ist es eben nicht getan. In ca. 95 Prozent der Brandfälle kann die Ursache ermittelt werden.

Warum wird man Brandursachenermittler?

Frank D. Stolt: Es gibt sicherlich viele, oft sehr persönliche Gründe, die jemanden zur Brandursachenermittlung führen. In meiner Brust schlagen zwei Herzen, das Herz des Brandschützers und das des Kriminalisten. Als ausgebildeter Feuerwehrmann und als studierter Experte für vorbeugenden Brandschutz wurde mir immer mehr wichtig, den Ursachen von Bränden nachzugehen. Ich möchte an dieser Stelle das Bild des Pathologen gebrauchen. Er und seine Arbeit sind es, bei denen die Lebenden von den Toten lernen können. Sind abwehrende und vorbeugende Brandschützer doch so etwas wie Therapeuten und Diagnostiker, die von der Arbeit der Pathologen profitieren. Viele Polizeianwärter träumen davon, später einmal in der Mordkommission zu arbeiten. Doch schon Weingart, einer der großen Väter der deutschen Kriminalistik, hat die Brandermittlung zur „Krone“ der Kriminalistik erklärt. Und so ist es auch. Als Brandermittler ist man „Pathologe“ und wird ständig neu herausgefordert und mit neuen naturwissenschaftlichen und technischen Fragestellungen konfrontiert. Das macht die Brandermittlungen so spannend und interessant.

Wie wird man Brandursachenermittler?

Frank D. Stolt: In Deutschland gibt es keine reguläre Ausbildung im Bereich Brandursachenermittlung, die in erster Linie Sache der Polizei ist. Neben einer allgemeinen Einführung in der Ausbildung gibt es spezielle Weiterbildungsangebote bei den einzelnen Länderpolizeien. Ein eigenes Studium für Brandermittlung wie in den USA oder Australien, gibt es in Deutschland nicht. Aus diesem Grund sind die beruflichen und wissenschaftlichen Wege zur Tätigkeit als Brandermittler sehr unterschiedlich und oft von der Biografie des Einzelnen abhängig. Ich bin sowohl studierter Kriminologe und Polizeiwissenschaftler als auch Sicherheitstechnik- und Brandschutzexperte mit Weiterbildungen in den Bereichen des vorbeugenden und abwehrenden Brandschutzes, des Sprengwesens und der Pyrotechnik. Die Ausbildung zum Brandermittler konnte ich in den USA, Kanada und in Großbritannien absolvieren. Hinzu kamen viele Praktika bei Feuerwehren und Polizeidienststellen in Deutschland und dem Ausland.

Wie schwer ist es, eine Brandstiftung nachzuweisen?

Frank D. Stolt: Das Problem bei Brandstraftaten ist, die Tat muss einem Täter zweifelsfrei nachgewiesen werden. Wie es nicht das „perfekte Verbrechen“ gibt, gibt es auch keine „perfekte Brandstiftung“. Leider ist die Spuren- und Beweislage oft so, dass berechtigte Zweifel an der Schuld des Angeklagten bestehen bleiben. Unser Rechtsystem sieht in diesem Fall einen Freispruch vor – in dubio pro reo. Als Brandermittler muss man aus Respekt vor eben diesem Rechtssystem auch lernen, manchmal eben nur „zweiter Sieger“ zu sein.

Was sind die häufigsten Brandursachen?

Frank D. Stolt: Meist entstehen Brände durch menschliches Versagen, Unachtsamkeit beim Umgang mit brennenden, glühenden oder leicht entzündlichen Stoffen (z. B. Rauchen im Bett) sowie mangels Wissen. Gefährliches Arbeiten wie Schweißen, Löten, Flämmen etc. können durch Stress, Müdigkeit oder in Folge Alkoholeinwirkung der Ausführenden leicht zum Ausbruch eines Brandes führen. Auch defekte Geräte oder überlastete elektrische Leitungen sind oft Ursache für einen Brand. In der Landwirtschaft und bei bestimmten Industriezweigen kommt es gelegentlich zu sogenannten Selbstentzündungen, die nicht selten mit verheerenden Folgen enden. Zudem führen falsche Reaktionen im Brandfall häufig dazu, dass wertvolle Zeit ungenützt verstreicht, bevor wirksame Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Welche Rolle spielt der Faktor Mensch bei den Ursachen?

Frank D. Stolt: Menschliches Handeln oder Unterlassen war und ist die Hauptursache für Brände. Einige Gründe dafür habe ich bereits genannt. In diesem Zusammenhang muss auf die Tatsache hingewiesen werden, dass in vielen Fällen Täter und Opfer bei Bränden ein und dieselbe Person sind. Dies gilt insbesondere für viele fahrlässige Brandstiftungen.

Wann hat Sie letztmalig eine Brandursache überrascht?

Frank D. Stolt: Wie jeder Brand anders ist, ist auch jede Brandermittlung anders. Ein Brandermittler muss sich immer wieder neu auf eine Brandstelle einlassen können. Dann wird er auch immer wieder neu „überrascht“ werden. Oft ist es nicht die eine Tat oder die eine Fahrlässigkeit, die zu einem Brand führen, sondern eine Verkettung von vielen, vielen kleinen „Sünden“ oder Ereignissen, die, wenn sie zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammenkommen, einen Brand zur Folge Haben. Es sind neben den nicht alltäglichen Zündquellen – wie sich selbstentzündende und brennende Wäsche, Rattengift oder Tiere –, oft seltsame und schon fast unglaublichen Zufälle, die immer wieder für Überraschungen sorgen.

Ist das Geständnis des Täters die Krone ihrer Ermittlungen?

Frank D. Stolt: Dem Geständnis des Täters kommt heute in der Rechtspraxis immer weniger Bedeutung zu. Kann es doch jederzeit widerrufen werden. Längst hat sich der Schwerpunkt der Beweiserhebung auf den Sachbeweis, die Ermittlungsergebnisse der naturwissenschaftlichen Kriminaltechnik und Rechtsmedizin, verlegt. Dies findet auch in den allabendlichen Kriminalfilmserien seinen Niederschlag. Auch in diesen Serien werden die Derricks und Columbos immer mehr von den smarten Kriminaltechnikern der CSI (Crime Scene Investigation) verdrängt. Viele naturwissenschaftliche Methoden aus der Chemie, Physik, Biologie und speziell der Brandschutzforschung haben längst Eingang in die Brandermittlung gefunden. Die an der Brandstelle gefundenen und gesicherten Spuren werden mit den entsprechenden Verfahren und Methoden interpretiert oder rekonstruiert. Dabei kommen z. B. ingenieurmäßige Methoden, Gaschromatographen-Massenspektrometer, Rasterelektronenmikroskope oder Computersimulationen zum Einsatz.

Wie viel tragen Erfahrung und Instinkt bzw. Fachwissen und Menschenkenntnis zum Erfolg bei?

Frank D. Stolt: In der Brandursachenermittlung sind jahrelange eigene praktische Erfahrungen und ein fundiertes Fachwissen gleichermaßen wichtig. Gerade ein „gesunder“ Mix beider kann heute nur noch zum Erfolg führen. Der sogenannte „Instinkt“ spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Bei der Brandermittlung geht es um Tatsachenfeststellung. Natürlich kenne auch ich das Gefühl, das einem sagt: hier stimmt etwas nicht, wenn man an eine Brandstelle kommt. Doch schlussendlich zählen die Fakten. Menschenkenntnis ist natürlich immer wichtig. Allerdings muss sehr genau zwischen der objektiven und subjektiven Seite bei Ermittlungen unterschieden werden. Bei den objektiven Ermittlungen steht die Interpretation der gefundenen und gesicherten Spuren im Vordergrund. Bei den subjektiven Ermittlungen geht es in erster Linie um Zeugenaussagen, Vernehmungen, persönliche, berufliche und finanzielle Hintergründe von potentiell Verdächtigen etc. Beide Seiten sollten erst im Laufe der Ermittlungen mit einander verknüpft werden, um eine möglichst von Voreingenommenheit freie Ermittlung zu ermöglichen. Aus diesem Grund sollte nicht zuletzt auch die naturwissenschaftlich-technische Seite der Ermittlungen von der subjektiven Seite personell getrennt bearbeitet werden.

Welchen Stellenwert hat die Brandursachenermittlung in Deutschland?

Frank D. Stolt: Auf der einen Seite hat die Brand- und Explosionsursachenermittlung in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Für den Brandsachverständigen hat das zu einer erheblichen Aufgabenzunahme geführt. Ein sich immer mehr verschärfender Wettbewerb der Versicherungen, die immer lauter werdenden Forderungen nach einer möglichst naturwissenschaftlich gesicherten und umfangreicheren Brandursachenermittlung der Gerichte und nicht zuletzt die Verschärfung des Produkthaftungsgesetzes sind wesentliche Gründe für den Anstieg bei den Ermittlungsaufträgen. Hinzu kommt der steigende Zwang für die Versicherungen zur Kostenminimierung. Schließlich verursachen Brand- und Explosionsschäden den größten Regulierungsaufwand innerhalb der Sachversicherung, und dies bei steigender Tendenz. Auf der anderen Seite gibt es immer größer werdende Defizite in der Aus- und Weiterbildung sowie in der Forschung im Bereich der forensischen Brandursachenermittlung.“

Wo steht die Brandursachenermittlung im internationalen Vergleich?

Frank D. Stolt: Durch die universitären Aus- und Weiterbildungen bzw. Qualifikationen im Ausland sowie die praktische und wissenschaftliche Tätigkeit, die mich ebenfalls immer wieder ins Ausland führt, habe ich einen relativ guten Überblick. Im internationalen Vergleich ist die Stellung der Brandursachenermittlung ein getreues Spiegelbild der Stellung der deutschen Brandschutzforschung und des Brandschutzes in Deutschland sowie der deutschen forensischen Wissenschaft bzw. der Kriminalistik. Wir liegen im hinteren Mittelfeld. Hier gibt es nichts zu beschönigen. Im Gegenteil, wir müssen in den nächsten Jahren große Anstrengungen unternehmen, damit die Brandermittlung in Deutschland international gesehen nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.

Wie engagieren sie sich in der Aus- und Weiterbildung von Juristen, Kriminalisten sowie Brandschutzexperten und Feuerwehrführungskräften?

Frank D. Stolt: Seit vielen Jahren bin ich Lehrbeauftragter im Bereich der Aus- und Weiterbildung an mehreren Fachhochschulen der Polizei des Bundes und der Länder. An der Landespolizeischule Rheinland-Pfalz führe ich einen Zertifizierungslehrgang „Brandermittlung“ für Kriminalbeamte durch, den ich aufgrund meiner Erfahrungen im In- und Ausland speziell entwickelt habe. Einwöchige Seminare für Kriminalbeamte, Untersuchungsrichter und Staatsanwälte gebe ich auch an der École de Police Luxemburg. Am Institut der Feuerwehr NRW in Münster unterrichte ich in der Ausbildung von Beamten des gehobenen und höheren feuerwehrtechnischen Dienstes. Jährlich wird auch ein Seminar „Brandermittlungen“ für Führungskräfte der Freiwilligen Feuerwehren angeboten. Am Haus der Technik Essen e. V. führe ich Brandschutzingenieuren, -sachverständigen und -beauftragten in einem Grund- und Aufbauseminar in die Brandursachenermittlung ein. Hinzu kommen noch Tagesseminare an der Deutschen Anwaltsakademie und dem Kriminalistischen Institut Jena e. V. Regelmäßig betreue ich auch. Studenten/-innen des Studienganges „Rescue Engineering“ der Fachhochschule Köln und der Otto-v.-Guericke Universität Magdeburg in Praktikumssemestern. Als Themengeber, Betreuer und Korrektor begleite ich auch wissenschaftliche Haus-, Diplom-, Bachelor- und Masterarbeiten.

Was wünscht sich ein Brandursachenermittler von den Löschkräften?

Frank D. Stolt: Meiner Erfahrung nach ist die Zusammenarbeit zwischen der Feuerwehr und den Brandermittlern besser als ihr Ruf. Ich kenne keine Feuerwehr, die böswillig die Arbeit der Brandermittler als sogenanntes „Spurenvernichtungskommando“ behindert oder gar unmöglich macht. In diesem Sinnen kann ich nur sagen, alles was von der Feuerwehr zur Brandbekämpfung sowie Menschen- und Tierrettung getan werden muss, muss eben auch getan werden, d. h. natürlich auf der anderen Seite, alles was nicht unbedingt für diese Tätigkeit notwendig ist, sollte auch unterlassen bleiben. In diesem Zusammenhang eine Bitte: Bei Brandleichen sollte generell auf den Unterschied zwischen „Retten“ und „Bergen“ geachtet werden. Brandleichen sollten möglichst am Auffindeort belassen, nicht mit Vollstrahl bearbeitet oder mit Farbspray nummeriert werden. Ich halte nichts von den anscheinend modern gewordenen großen Checklisten, die der Einsatzleiter nach der Brandbekämpfung für die Brandermittler ausfüllen soll. Viel wichtiger ist, dass die Einsatzkräfte für die Vorgehensweise und Art der Brandermittler in Schulungen sensibilisiert werden. Wichtige Beiträge zur Informationsgewinnung und Ursachenermittlung können die Feuerwehren durch Fotos und mit der Erstellung und Auswertung von Bildern von Thermokameras leisten. Besonders die neuesten Modelle mit Memofunktion oder mit Datenübertragungsstrecken gewinnen dabei an Bedeutung.

Wie sieht das abschließende Credo eines erfolgreichen Brandursachenermittlers aus?

Frank D. Stolt: Die wichtigsten Eigenschaften eines Brandermittlers sind Demut und Bescheidenheit. Trotz unseres immer größer werdenden naturwissenschaftlichen Wissens um die Grundlagen des Feuers und seiner Beherrschung ist es doch immer wieder ein „unberechenbares Wesen“, das uns Respekt einflößt, weil es uns nur zu oft an die Grenzen eben dieses unseres Wissens bringt. Eine weitere Eigenschaft ist unerlässlich für einen Brandermittler – Neugierde gepaart mit einem guten Schuss Skepsis.

ZUR PERSON
Sicherheitsfachwirt (FH) Frank D. Stolt (M.Sc., M.Sc., M.A.) ist Sachverständiger für Brand- und Explosionsursachenermittlung. Brandermittlung/Kriminaltechnik Enzianstraße 43a
68309 Mannheim
E-Mail: stolt.frankdieter@vdi.de
E-Mail: investigator@firehousemail.com
Cellfon: 0172 3825806

STUDIUM:
Sicherheitsfachwirt (FH) Fachhochschule Verwaltung und Dienstleistung des Landes Schleswig-Holstein, Fachbereich Polizei, Altenholz/Kiel
Master of Science Safety and Security Management Donau Universität Krems (A) Master of Arts Criminology and Police Science
Lehrstuhl für Kriminologie an der Juristischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum (D)
Master of Science Fire Safety Management Leeds University (UK), University of Edinburgh (UK), Donau Universität Krems (A), Eastern Kentucky University (USA) POSTGRADUALE

WEITERBILDUNGEN:
Technische Fachhochschule Berlin: Studienlehrgang „Gefahrenabwehr/Brandschutz“ (Prüfung) EIPOS e. V. Dresden: Postgraduales Studium „Sachverständiger für Vorbeugenden Brandschutz“ (Prüfung) AUSBILDUNGEN BRANDURSACHENERMITTLUNG:
ational Association of Fire Investigators – Sarasota (FL) USA: CFEI Certified Fire and Explosion Investigator (Prüfung) Canadian Association of Fire Investigators – Toronto (Kanada): CCFI-C Canadian Certified Fire Investigator – Level C (Prüfung) WEITERBILDUNGEN BRANDSCHUTZ:
The Institution of Fire Engineers Morton-on-Marsh (UK): Member of The Institution of Fire Engineers, (Prüfung) CFPA Europe/VdS Köln: Diploma at technical grade (Europe) # D 99/503 (Prüfung) CFPA Europe/VdS Köln: Diploma in Fire Risk Management, (Prüfung) BKS Land Sachsen-Anhalt, Heyrothsberge: Lehrgang F VI „Leiter einer Feuerwehr“, BVS – Brandverhütunsstelle Linz: Österreichischer Brandschutzpass (TRVB O117), (Prüfung)

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