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TECHNIK - 17. Dezember 2020

Royal Flying Doctor Service – Rettung im Outback

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Er zählt zu den bekanntesten Rettungsdiensten der Welt: der Royal Flying Doctor Service of Australia. Für viele Menschen in den weit entlegenen und dünn besiedelten Regionen des Kontinents sind die fliegenden Ärzte in der Not oft die einzige Hilfe.


Erschienen in: FEUERWEHR Ausgabe 9/2020

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Zwei Stunden – dann sollte auch in den entlegenen Regionen Australiens spätestens medizinische Hilfe beim Patienten eintreffen. Das einzuhalten ist nur aus der Luft möglich. Der Royal Flying Doctor Service of Australia (RFDS) ist nicht nur einer der größten, sondern auch einer der bekanntesten Luftrettungsdienste der Welt.
Sein Einsatzgebiet umfasst sagenhafte 7,69 Millionen Quadratkilometer, die rund um die Uhr abgedeckt werden. Zum Vergleich: die Fläche Deutschlands umfasst gerade einmal 357.386 Quadratkilometer.

Die Anfänge

Die Geschichte des Royal Flying Doctor Service of Australia geht auf das Jahr 1928 und auf seinen Gründer, den Pfarrer John Flynn, zurück. Um die medizinische Versorgung für die Menschen im Outback zu verbessern, rief dieser Anfang des vergangenen Jahrhunderts einige erste Buschkrankenhäuser ins Leben. Schon früh nutzte er zudem Flugzeuge, um die weiten Strecken in die entlegenen Regionen des Kontinents zurücklegen zu können. Im Jahr 1928 gründete er den Aerial Medical Service (AMS), zunächst als einjähriges Experiment. Der erste Stützpunkt wurde am 15. Mai 1928 in Cloncurry (Queensland) in Dienst gestellt. In den 1930er-Jahren folgten weitere Stützpunkte in Charters Towers und Charleville (beides in Queensland) sowie in Alice Springs (Northern Territory).

Durch den Erfolg konnte schließlich 1934 der Australian Areal Medical Service mit Sektionen in ganz Australien den regelmäßigen Betrieb aufnehmen. 1942 erfolgt die Umbenennung in Flying Doctor Service. Die Umbenennung in Royal Flying Doctor Service folgte dann 1955 – mit Zustimmung der englischen Krone.

Zusammenarbeit

Heute besteht der RFDS aus sieben juristisch eigenständigen Organisationen, die im Rahmen einer Joint-Venture-Vereinbarung zusammenarbeiten und somit in einer föderalen Struktur ganz Australien abdecken. Konkret sind dies die RFDS Central Operations, die RFDS Queensland Section, die RFDS South Eastern Section, die RFDS Victorian Section, die RFDS Tasmania, die RFDS Western Operations und zuletzt die in Canberra beheimatete RFDS of Australia. Jede der genannten Organisationen ist operativ und finanziell unabhängig und als Wohltätigkeitsorganisation registriert.

Zusammen werden 21 Flugbasen, fünf Gesundheitseinrichtungen und zehn weitere Niederlassungen (z. B. für die Administration) betrieben. Die sieben Flugbasen in Alice Springs, Broken Hill, Darwin, Dubbo, Charleville, Kalgoorlie und Longreach sind darüber hinaus Besucherzentren, die alljährlich Interessierte aus dem In- und Ausland anziehen. Die Stadt Alice Springs liegt im Herzen Australiens im Bundesterritorium Northern Territory und wurde 1872 gegründet. Aufgrund ihrer exponierten Lage ist sie als Ausgangspunkt für
Ausflüge in die Wüste international bekannt. Das hier angesiedelte Besucherzentrum befindet sich in jenem Originalgebäude, in dem der erste Funker der RFDS-Basis im Jahr 1939 untergebracht war und gilt als eine der bedeutendsten Touristeneinrichtungen in Zentralaustralien. Die hier im 24-Stunden-Betrieb operierende Flugbasis deckt ein Einsatzgebiet von unglaublichen 1,25 Millionen Quadratkilometern ab, in dem viele Ureinwohner leben.

Eine Frage der Distanz

Auch wenn sich dank moderner Technologien die Lebensqualität für viele Menschen in den abgelegenen Gegenden des Landes verbessert hat, stellen die weiten Entfernungen bis heute eine Herausforderung dar. „Das Outback wird dank weiterentwickelter Technologie immer besser vernetzt, doch viele Gebiete sind nach wie vor sehr isoliert, abgelegen und dünn besiedelt. Wenn Sie auf einer abgelegenen Station oder in einer dünn besiedelten Stadt im Outback leben, ist der Zugang zu medizinischer Beratung und Hilfe von entscheidender Bedeutung.

Der RFDS erprobt und wendet die neuesten Luftfahrt-, Medizin- und Kommunikationstechnologien an, um schnellere und effizientere Gesundheitsdienste in diesen Gebieten zu ermöglichen. Neue Jets, die auf Schotterpisten landen können, cloudgestützte Tele-Gesundheitsdienste zur Behandlung chronischer Krankheitszustände und mobile High-Tech-Zahnarztdienste sind Beispiele dafür“, erklärt Kate Fessey von der Pressestelle des Royal Flying Doctor Service of Australia.

Dennoch ist beispielsweise die Wahrscheinlichkeit für Bewohner von abgelegenen und sehr abgelegenen Regionen im Vergleich zu Bewohnern in größeren Städten Australiens 1,6-mal höher, wegen Herzerkrankungen ins Krankenhaus eingewiesen zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Herzerkrankung zu sterben, ist für die Bewohner abgelegener und sehr abgelegener Gegenden 1,3-mal höher.

Moderne Maschinen

Tritt ein Notfall ein, helfen Menschen und Technik im Zusammenspiel, um zu heilen und Leben zu retten. Dafür setzen die Australier auf eine Flotte mit insgesamt vier unterschiedlichen Flugzeugtypen.

Beim am häufigsten genutzten Exemplar handelt es sich um die Pilatus PC-12, von der 34 Einheiten zum Einsatz kommen. Eine Flughöhe von 30.000 Fuß, eine Höchstgeschwindigkeit von 516 km/h und eine maximale Flugstrecke von 2.889 km kennzeichnen dieses Flugzeugmodell. In Inneren stehen zwei Krankenbetten und drei Begleitersitze zur Verfügung. „Die Pilatus PC-12 ist in Bezug auf Kapazität, Ausstattung, Geschwindigkeit, Reichweite und Leistung ein guter Allrounder, der sich perfekt für den Einsatz beim Royal Flying Doctor Service eignet“, so die Verantwortlichen. Vom Flugzeugtyp Pilatus PC-24 hält der RFDS drei Maschinen bereit. Sie haben eine maximale Flughöhe von 45.000 Fuß, eine Höchstgeschwindigkeit von 787 km/h und können Flugstrecken bis zu 3.610 km zurücklegen.

„Unsere neuen Flugzeuge vom Typ Pilatus PC-24 sind die ersten ihrer Art auf der ganzen Welt. Diese ‚Notfallstationen‘ an unserem Himmel bieten Platz für drei Krankentragen und zwei medizinische Teams, bestehend aus vier Ärzt/innen und Krankenpfleger/innen. Diese Jets können auf unversiegelten Start- und Landebahnen mit einer Länge von bis zu 800 m landen und  starten. Sie können bestehende Flugzeiten halbieren und längere Strecken zurücklegen. Mit Sitz in Jandakot und Broome (Western Australia) und Adelaide in (South Australia) wird die Hinzufügung dieser neuen Jets die Gesamtkapazität der Flotte für schnelle Reaktionszeiten in allen Regionen erhöhen“, so der RFDS.

Ergänzt wird die Flotte durch insgesamt zehn King Air B300 C und B350 mi 564 km/h Höchstgeschwindigkeit und einer Reichweite von 3.000 km. Stolze 30 Exemplare des Flugzeugtyps King Air B200 C und B200 (Höchstgeschwindigkeit 536 km/h, Reichweite 2.700 km) vollenden den Luftfuhrpark.

„Die King Air B200 C ist die Fortsetzung der King Air-Linie, die in den 1970er-Jahren begann und eine lange und bewährte Geschichte als Flugzeug hat. Es handelt sich um ein von Beechcraft hergestelltes Twin-Turbo-Propellerflugzeug. Wir haben auch die Flugzeuge King Air B200 und King Air 350. Die Kabine ist mit zwei Krankentragen und drei Sitzen ausgestattet, die in einer Vielzahl von Konfigurationen verwendet werden können. Die Standard-Passagiertür des Flugzeugs wurde durch eine große Frachttür ersetzt, um das Be- und Entladen der Patienten zu erleichtern“, so die Australier. Regulär gehört mindestens ein/e Krankenpfleger/in zur medizinischen Besatzung der Flugzeuge, wobei je nach gemeldetem Krankheitsbild oder Verletzungsmuster auch eine Ärztin bzw. ein Arzt mitfliegt.

Tipp: Wer wissen will, wo die Flugzeuge des RFDS gerade unterwegs sind: auf der Webseite  findet sich eine Karte mit den aktuellen Positionen der einzelnen Rettungsflugzeuge.

Urs Weber

 

Im Gespräch mit Kate Fessey

Kate Fessey gehört zur Pressestelle des RFDS. Sie ist sich sicher: „Die Mitarbeiter des RFDS leisten eine einzigartige Arbeit, bei der jeder Tag anders ist.“

 

Feuerwehr: Der RFDS ist ein sehr ungewöhnlicher Rettungsdienst mit weitem Einsatzgebiet und erschwerten Rahmenbedingungen. Welche Herausforderungen stellen sich Ihnen und Ihren Kollegen täglich?
Fessey: Der RFDS ist ein ganz besonderer Dienst, der 1928 aus der Not heraus entwickelt wurde. Australien ist groß: es erstreckt sich über 7,7 Millionen Quadratkilometer. Ein Drittel der Bevölkerung lebt in ländlichen, abgelegenen Gebieten, was einen Gesundheits- und Notfalldienst für diejenigen, die im Outback leben, arbeiten und reisen, lebenswichtig macht. Die Tyrannei der Entfernung wird Australien immer plagen, aber der Flying Doctor wird dieses Problem noch jahrelang lösen, indem er die neuesten Technologien, Innovationen und Dienstleistungen einsetzt.

Feuerwehr: Wie sähe die Versorgung der Patienten ohne den RFDS aus?
Fessey: Bevor es den Flying Doctor gab, gab es wenig medizinische Hilfe für die Menschen, die an Orten abseits der Städte lebten. Wenn sie schwer krank oder verletzt waren, mussten sie hunderte von Kilometern mit Pferd, Wagen oder Kamel zurücklegen, um einen Arzt zu erreichen. Oft starben sie, bevor sie dort ankamen.

Feuerwehr: Um eine bessere Vorstellung zu bekommen: Wie ist das typische Vorgehen im Falle eines Notfalls im Outback?
Fessey: Jede Situation ist natürlich anders und hängt von der Lage und dem Schweregrad des Zustands des Patienten ab. Wenn
jemand für eine flugmedizinische Notfallrettung Kontakt mit dem RFDS-Team aufnimmt, werden zuerst Fragen zur Situation
gestellt. Anschließend geben wir dem Anrufer eine Vorstellung von der Ankunftszeit der Notfallmannschaft und erteilen telefonisch
medizinischen Rat. Außerdem wird sofort ein Ankunftsplan koordiniert und die Start- und Landebahn muss vorbereitet werden.

Feuerwehr: Wie sieht diese Vorbereitung konkret aus?
Fessey: Das hängt vom Standort und der Tageszeit ab. Bei Nacht ist eine Beleuchtung der Start- und Landebahn notwendig, Durch einen „Kängurulauf“ werden Kängurus, Wild und Vieh von der Start- und Landebahn vertrieben. Wenn das Flugzeug eine „Straßenlandung“ durchführt, müssen Verkehrskontrollen organisiert werden. Der Patient wird vor Ort stabilisiert, bevor er in ein größeres Krankenhaus transportiert wird.

Feuerwehr: Beim RFDS zu arbeiten bedeutet sicherlich, viel Verantwortung zu übernehmen. Was müssen Bewerber mitbringen, um
im medizinischen Bereich zu arbeiten, und wie lauten die Stellenbeschreibungen?
Fessey: Unsere Mitarbeiter müssen tatsächlich hoch qualifiziert und engagiert sein. Die Menschen, die wir beschäftigen, erfüllen klinische und nicht-klinische Aufgaben. Einschließlich der Möglichkeiten, in der Krankenpflege, im medizinischen Bereich, im verwandten Gesundheitswesen, in der Verwaltung, im Ingenieurwesen und in unterstützenden Dienstleistungen tätig zu sein. Die Mitarbeiter sind fleißig und fürsorglich und stellen sich jeden Tag neuen Herausforderungen. Es ist eine einzigartige Arbeit, bei der jeder Tag anders ist.

Feuerwehr: Was zeichnet den Alltag der Mitarbeiter des RFDS aus?
Fessey: Die Arbeit für den RFDS kann interessant und abwechslungsreich sein. Unsere Teams sind eng miteinander verbunden und die Kliniker arbeiten eng mit Piloten und Aufgabenkoordinatoren zusammen, um auf einen Vorfall zu reagieren. Die Art der Arbeit ist sehr einzigartig. Von der Landung auf unbefestigten Straßen oder Hauptverkehrsstraßen, wo keine anderen Flugpisten zur Verfügung stehen, über den Transport von Patienten auf den Ladeflächen von Pick-ups oder Lkw bis hin zur Betreuung von Menschen in einigen der entlegensten Gemeinden Australiens.

Feuerwehr: Im Jahr 2020 hat das Coronavirus die Notfalldienste weltweit vor große Herausforderungen gestellt. Welche Vorkehrungen
wurden beim RFDS getroffen?
Fessey: Der RFDS war an vorderster Front an der Reaktion auf das Coronavirus beteiligt. Er hat Covid19-Patienten und verdächtige Patienten in große Krankenhäuser transportiert. Der RFDS befasst sich routinemässig mit Infektionskrankheiten; Covid19 bedeutete dennoch neue Herausforderungen in Bezug auf die potenzielle Menge an Patienten, die versorgt werden mussten. Hier musste sich der RFDS anpassen und Covid19-Infektionskontrollprozesse in den täglichen Betrieb einbetten, um die Sicherheit von Besatzungen und Patienten zu gewährleisten. Wir mussten auch unsere Kapazität und die Nachfrage nach unseren Dienstleistungen und die potenzielle Stoßkapazität berücksichtigen. Die Sicherheit unserer Besatzungen und Patienten ist von größter Bedeutung.

Feuerwehr: Wie ist die Corona-Situation im Outback, weit weg von den Städten?
Fessey: Zwar hat es in den Städten im Outback keine größeren Ausbrüche gegeben, doch sind diese Städte in Anbetracht ihrer mangelnden Gesundheitsdienste und ihres eingeschränkten Zugangs zu Beatmungsgeräten einem größeren Risiko ausgesetzt. Hier hat der RFDS eine entscheidende Rolle gespielt, indem er verdächtige Covid19-Patienten aus ländlichen Gebieten in größere Krankenhäuser gebracht hat, die über eine größere Kapazität zur Versorgung dieser Patienten verfügen.

Das Interview führte Urs Weber

 

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