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TECHNIK - 26. Oktober 2020

Multikopter im Rettungsdienst – eine Studie

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Können Multikopter Notärzte schneller zu Einsatzstellen bringen und so das Rettungsdienstsystem verbessern? Laut einer von der ADAC Luftrettung auf den Weg gebrachten Studie stellen Multikopter eine sinnvolle Ergänzung dar. Ab 2023 soll nun in zwei Modellregionen der Testbetrieb starten.

Multikopter als sinnvolle Ergänzung zu den Rettungshubschraubern? Diese Frage hat eine Machbarkeitsstudie der ADAC Luftrettung nun beantwortet.
Sie sollen die Luftrettung sinnvoll ergänzen und den Notärztemangel beheben: Multikopter. Eine Studie der ADAC Luftrettung liefert dazu Ergebnisse. © obs/ADAC SE/ADAC Luftrettung.

Multikopter im Rettungsdienst. Was zunächst eine Idee für die zivile Personenbeförderung war, könnte jetzt eine Lösung für den Notarztmangel darstellen. Denn die weltweit erste Machbarkeitsstudie der ADAC Luftrettung zeigt, dass bemannte Multikopter nicht nur möglich und sinnvoll sind. Sie verbessern auch die notfallmedizinische Versorgung der Bevölkerung. Die 130 Seiten umfassende Studie war Ende 2018 in Auftrag gegeben und von der gemeinnützigen ADAC Stiftung gefördert worden. Sie wurde in Kooperation mit der Firma Volocopter in Bruchsal sowie den Modellregionen Ansbach-Dinkelsbühl (BY) und Idar-Oberstein (RLP) durchgeführt. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob das Rettungsdienstsystem mit dem Einsatz von Multikoptern als schneller Notarztzubringer verbessert und zukunftssicher aufgestellt werden kann. Der Multikopter ist jedoch keinesfalls als Ersatz für die Rettungshubschrauber gedacht. Er soll die schnelle Hilfe aus der Luft sinnvoll ergänzen. Der Transport von Patienten ist zunächst auch nicht vorgesehen.

Der Multikopter als neues Einsatzmittel

Bei den Multikoptern handelt es sich um neue, senkrechtstartende Luftfahrzeuge mit mehreren elektrisch angetriebenen Rotoren. Bisher wurden sie primär als Flugtaxis im zivilen Bereich entwickelt. Nach knapp eineinhalb Jahren Forschungsarbeit ist nun erstmals ein einsatztaktischer Vorteil von Multikoptern im Rettungsdienst theoretisch belegbar. Denn ab einem Einsatzradius von 25 bis 30 km ergeben sich laut Studie deutliche Verbesserungen für die Notfallversorgung. Dabei liegt die optimale Fluggeschwindigkeit bei 100 bis 150 km/h und die Mindestreichweite bei rund 150 km. Diese Idealvoraussetzungen wären in etwa vier Jahren technisch umsetzbar.

Wenn die Fluggeräte diese Voraussetzungen erfüllen werden Notärzte wesentlich schneller am Einsatzort sein. Zudem erreichen sie deutlich mehr Patienten in einem größeren Versorgungsgebiet. Dadurch wird die Arbeit des Mediziners effektiver. Der Multikopter ist dann ein adäquates Mittel gegen den vielerorts herrschenden Notarztmangel. Schließlich hat sich in den vergangenen 20 Jahren die Notarzt-Eintreffzeit im Bundesschnitt um fast 40 % verschlechtert. Außerdem können Rettungshubschrauber effektiver eingesetzt werden. Denn heute fungiert er in rund 60 Prozent der Fälle als reiner Notarztzubringer. Er kann stattdessen sein Potential als Transportmittel in weiter entfernte (Spezial-)Kliniken ausschöpfen.

Modellregionen für den Testbetrieb

Um Einsatzpotenziale festzustellen, führte das international renommierte Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement (INM) der Ludwig-Maximilians-Universität München eine Makroanalyse durch. Hierfür wurden die Bundesländer Bayern und Rheinland-Pfalz auserkoren.

Eine ergänzende Mikroanalyse in zwei Modellregionen simulierte am Computer über 26.000 Notfalleinsätze mit Multikoptern. Dies erfolgte auf Basis historischer Leitstellendaten. Die Simulation wurde für den Rettungsdienstbereich Ansbach mit dem Luftrettungsstandort Dinkelsbühl (BY) sowie Idar-Oberstein (RLP) durchgeführt. Simuliert wurden Szenarien mit unterschiedlichen Einsatzradien, Reichweiten und Geschwindigkeiten.

Ob das Vorhaben technisch machbar ist, wurde anhand eines VoloCity des Projektpartners Volocopter untersucht. Denn dieser Multikopter lässt eine frühzeitige Marktreife erwarten. Zudem weist er mit 18 fest verbauten Rotoren eine besonders hohe Ausfallsicherheit auf. Sein Vorteil gegenüber einem Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) ist laut Studie auf dem Land größer als in der Stadt. Im Vergleich zu einem Rettungshubschrauber ist der Multikopter leiser und emissionsärmer.

Der Testbetrieb soll ab 2023 in den bisherigen zwei Modellregionen an der ADAC Luftrettungsstation Dinkelsbühl (LK Ansbach, BY) und an einem neuen, reinen Multikopter-Standort in der Region Idar-Oberstein stattfinden.

Bis das Pilotprojekt startet, finden an nichtöffentlichen Forschungsstandorten der Firma Volocopter weitere technische Probeflüge statt, um die bemannten Fluggeräte für die besonderen Bedingungen im Rettungsdienst aus der Luft zu testen – dazu gehören etwa Starts und Landungen in Hanglagen, bei schlechter Sicht, bei Dunkelheit oder im Winter. Für diese Tests ist die aktuell bestehenden Volocopter-Technologie ausreichend. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) begleitet das Projekt wissenschaftlich. Zwischen ihm und der ADAC Luftrettung besteht bereits seit vielen Jahren eine Kooperation im Bereich Forschung und Entwicklung.

Reduzierte Besatzung

Die Besatzung eines Multikopters weicht etwas von der eines klassischen Rettungshubschraubers ab, denn sie besteht nur aus Pilot*in und einem Notarzt bzw. Notärztin. Da Notfallpatient*innen auf das sichere und schnelle Eintreffen des Notarzts oder der Notärztin angewiesen sind, müssen Multikopter im Rettungsdienst im 24-Stunden-Dienst und auch bei schlechtem Wetter operieren können. Zudem gibt es neue Herausforderungen für die Besatzung. Notärzt*innen werden per Multikopter häufig als erstes Rettungsmittel an der Notfallstelle eintreffen. Deshalb benötigen sie eine besondere medizinische Ausstattung. Diese muss wegen der begrenzten Nutzlast des Fluggerätes gewichtsoptimiert sein. Der Pilot bzw. die Pilotin muss den Arzt bzw. die Ärztin noch mehr als bisher unterstützen und benötigt eine notfallmedizinische Zusatzausbildung.

Neben den medizinischen und technischen Voraussetzungen für einen Testbetrieb wurden auch die Wirtschaftlichkeit und die rechtliche Machbarkeit untersucht. Die Studienautoren sind sich einig, dass ein kosteneffizienter Betrieb möglich ist. Die Kosten würden im Vergleich zum allgemein hohen Investitionsbedarf im Gesundheitswesen eher gering ausfallen. Es gäbe zudem auch keine unüberwindbaren luftfahrtrechtlichen oder rettungsdienstlichen Hindernisse. Allerdings werden notwendige Anpassungen aufgezeigt. Offene rechtliche Fragen sollten allerdings frühzeigt geklärt werden.

Die Projektleiter prognostizieren, dass in Deutschland auf Basis der Forschungsergebnisse und dem Stand der technischen Weiterentwicklungen bis zum Jahr 2050 ein flächendeckendes Netz von bundesweit bis zu 250 Multikopter-Stationen geschaffen werden kann.

Jochen Oesterle
ADAC SE

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