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TECHNIK - 14. September 2021

Ausgezeichnet – Modernes Feuerwehrhaus

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Im beschaulich gelegenen Wannweil kommt es immer wieder zu schweren Hochwassern. Dagegen geht ein kommunaler Zusammenschluss nun vor. Auch für neue Herausforderungen ist das prämierte Gerätehaus der örtlichen Feuerwehr bestens gewappnet.


Erschienen in: FEUERWEHR Ausgabe 9/2021

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Wannweil im Echaztal (LK Reutlingen, BW), eine Gemeine mit knapp über 5.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, erstreckt sich auf 5,3 ha und konnte trotz der Nähe zur Universitätsstadt Tübingen und zur Großstadt Reutlingen ihre Eigenständigkeit sowie ihren dörflichen Charakter bewahren. Attraktiv macht die Gemeinde, dass alle Bedürfnisse des täglichen Lebens, wie Ärzte, Apotheken oder Lebensmittelgeschäfte, vor Ort befriedigt werden können. Weiter unterstützen ein reges Vereinsleben und ein abwechslungsreiches Angebot für Jung und Alt den Zusammenhalt. Mit der evangelischen Johanneskirche steht auch vermutlich eine der ältesten Kirchen Baden-Württembergs, erbaut zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert, in Wannweil. Der Name Wannweil stammt einer Urkunde zufolge aus dem Jahr 1275 von dem Begriff Wyle bi Betzingen. Erst 1465 erscheint der Name Wannwyle.

Die Gründung der Feuerwehr

Die Feuerwehr kann allerdings nicht auf eine so lange Geschichte zurückblicken wie der Ortsname. Feuerwehrhistorisch ist bekannt, dass 1875 eine Löschspritze angeschafft wurde. Damals nutzten sie allerdings noch die üblichen Löschmannschaften als Vorläufer der Feuerwehr. Die Gründung der eigentlichen Feuerwehr Wannweil fand schließlich 1886 als Pflichtwehr, wie zur damaligen Zeit üblich, statt. Das erklärt auch die stolze Mitgliederzahl von 174 Aktiven, die in der Statistik des Landes Baden-Württemberg von 1915 dokumentiert sind. Eine Besonderheit ist, dass es schon früh in der ortsansässigen Spinnerei/Weberei eine eigene Betriebsfeuerwehr neben der Freiwilligen Feuerwehr gab. In dieser Betriebsfeuerwehr taten lt. selbiger Statistik im Jahr 1915 51 Kameraden ihren Dienst. Damit hatte der Ort zwei Feuerwehren. Eine beeindruckende Bilanz, wenn man bedenkt, dass Wannweil damals nur 1.400 Einwohner hatte.

Erste Feuerwehrfrauen

Schon 1917 hatte die Betriebsfeuerwehr die ersten uniformierten Kameradinnen aufgrund der kriegsbedingten Abwesenheit der Männer in ihren Reihen. Somit gab es in Wannweil vielleicht die ersten Frauen in einer Feuerwehr in Baden-Württemberg, vielleicht sogar in ganz Deutschland.

Hochwasser im Ortsgebiet

Vieles ist aus dieser Zeit leider nicht überliefert. Allerdings ist bekannt, dass immer wieder schwere Hochwasser der Echaz die Bewohner des Orts plagten. Erst 1970 kehrte mit dem hochwassersicheren Ausbau der Echaz etwas Ruhe ein. Allerdings trüben seit der Jahrtausendwende Starkregenereignisse immer wieder den Frieden. Seit 2017 bereiten sich die Echaz-Anrainergemeinden im Zusammenschluss „Partnerschaftlich gegen Hochwasser an der Echaz“ gemeinsam auf solche Ereignisse vor. Die Maßnahmen erstrecken sich neben baulichen Maßnahmen der Gemeinden u. a. auf eine gemeinsame Überwachung des Flusspegels, eine gemeinsame Präventionsstrategie und einen aufeinander abgestimmten Einsatzplan für die Feuerwehren.

Der Fuhrpark der Wehr

Im Jahr 1956 konnten die Kameradinnen und Kameraden das erste motorbetriebene Fahrzeug, ein LF 8 auf Ford-Fahrgestell, fabrikneu in Ulm beim Ausrüster Magirus-Deutz abholen. Das von den Kameraden liebevoll „Emma“ getaufte Fahrzeug ist heute leider nicht mehr fahrbereit, wird derzeit aber restauriert und soll so für die zukünftigen Generationen erhalten werden. Woher der Name Emma kommt, ist nicht überliefert und bietet Raum für Spekulationen, wer hierfür als Patin zur Verfügung stand. 1971 folgten ein weiteres Löschgruppenfahrzeug LF 8, im Jahr 1979 ein Schlauchanhänger, 1980 ein Tanklöschfahrzeug (TLF) und im Jahr 1996 ein Mannschaftstransportwagen (MTW). Zeitweise gehörte zudem noch ein Rüstwagen (RW) zum Fuhrpark, der mittlerweile aber außer Dienst gestellt ist. Alle Großfahrzeuge waren bzw. sind auf Mercedes-Benz Rundhauber-Fahrgestellen aufgebaut. 2006 wurde mit der Beschaffung eines Hilfeleistungslöschfahrzeugs (HLF) 20/16 auf Iveco-Magirus die Erneuerung des Fuhrparks begonnen, die 2021 mit der Indienststellung eines LF 20 fortgesetzt wird. Während der Rundhauber noch von der Firma Ziegler aufgebaut worden ist, stammen die beiden neueren Fahrzeuge von der Firma Magirus. In den nächsten Jahren stehen dem 2019 verabschiedeten Feuerwehrbedarfsplan zufolge noch ein GW-L, ein ELW und ein MTW zur Beschaffung auf dem Programm. Der Handlungsbedarf ist dringend, denn die zu ersetzenden Fahrzeuge sind dann immerhin 41 und 25 Jahre alt.

Ausgezeichnetes Feuerwehrhaus

Untergestellt wurde das erste Fahrzeug noch im Farrenstall, der zu diesem Zeitpunkt die Feuerwehr beheimatete. Im Jahr 1966 zog die Wehr dann in den Vorgängerbau des heutigen Feuerwehrhauses. Nach mehreren Unwetterereignissen war das Gebäude allerdings schwer beschädigt und dringend sanierungsbedürftig. Auch von seiner Größe, den Werkstätten und Sanitäranlagen entsprach es nicht mehr der Zeit. Deswegen wurde 2011, nach Beratungen mit der Verwaltung und dem Gemeinderat, der Neubau am Ortsrand beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) und beim Bauhof beschlossen. An der Stelle des alten Feuerwehrhauses entstehen 2021 nach einer Sanierung und Umgestaltung des Echazufers nun mehrere neue Wohnhäuser in zentraler Ortslage. Um mehrere Entwürfe als Vorschlag für den Neubau zu bekommen, wurde ein beschränkter Architektenwettbewerb ausgerufen. Sechs Büros erhielten eine Einladung, um ihre Ideen für das zur Verfügung stehende Grundstück und das vorgegebene Raumkonzept zu entwickeln. Am überzeugendsten, sowohl aus fachlicher Sicht der Feuerwehr als auch gestalterisch, war der Entwurf des Architekturbüros Dasch, Zürn und Partner aus Stuttgart, der dann verdientermaßen den 1. Platz bekam. Der Gemeinderat beschloss einstimmig, diesen Entwurf umzusetzen, und so erfolgte schließlich am 7. November 2014 der Spatenstich.

Ein besonderer Bau

Der Neubau besetzt innerhalb des schlauchförmigen Industriegebiets ein Wiesengrundstück in unmittelbarer Nähe zum Waldrand. Aus den für dieses Grundstück geltenden 30 m Waldabstandsregeln sowie der inneren Organisation des Gebäudes entwickelten die Architekten eine expressive Kubatur, bestehend aus einer Fahrzeughalle mit fünf Stellplätzen und einem Waschplatz. Daran schließt ein zweigeschossiger Gebäudeteil mit Büroräumen, Schulungsraum und Sozialräumen an. Die Funk- und Kommandozentrale ist in zentraler Gebäudelage untergebracht und bietet freie Sicht zur Parkplatzzufahrt und in die Fahrzeughalle.

Hinter den Stellplätzen realisierte das Architekturbüro eingeschossig das Lager und die Werkstätten. Die Besonderheit hieran ist, dass dieser Bereich sich in den Hang hineingräbt und komplett erdüberdeckt ist. Somit fügt sich der Bau hervorragend in die Landschaft ein und ermöglicht aus dem Obergeschoss einen direkten Zugang auf die Wiesen bis zum Waldrand. Die innere Nutzung wird durch charakteristische Materialien geprägt. Vorherrschend ist grauer Sichtbeton, der im und am Gebäude in unterschiedlichen Oberflächenqualitäten vorzufinden ist. Die Oberfläche der Nordfassade nimmt die leicht gekippte Ausrichtung des Gebäudeüberstands auf und setzt diese fort, in dem mit einer groben Bretterschalung eine diagonale Struktur erzeugt wurde. Demgegenüber ist er an der südlichen Schmalseite, wo die Schaltafeln ein quadratisches Muster hinterlassen haben, ebenso wie in den Innenräumen in hoher Sichtbetonqualität ausgeführt. Einen Kontrast zum hellen Grau des Betons bilden die dunkel gerahmten Tore der Fahrzeughalle sowie die helle, vertikale Holzbekleidung des zweigeschossigen Gebäudeteils.

Im Juni 2016 konnten die Kameradinnen und Kameraden in die neuen, modernen Räumlichkeiten einziehen. Am 2. Oktober 2016 wurde das Gebäude bei einem Festakt mit Tag der offenen Tür offiziell übergeben.

Preisgekrönt

Die Architektenkammer Baden-Württemberg hat den Neubau des Feuerwehrhauses Wannweil für Beispielhaftes Bauen ausgezeichnet. Dazu wurde es von der Jury nach verschiedenen Kriterien bewertet. So spielten die Konzeption, Funktion und Angemessenheit ebenso eine Rolle wie die landschaftliche Einbindung und der Umgang mit dem Grundstück. Gestalterisch wurden die Freiraumgestaltung, die äußere Gestalt sowie die Innenraumgestaltung bewertet. Auch die Konstruktion, die Technik, Details, die Ausführung, der Gesamteindruck und schließlich der Zeitbezug fanden Eingang in die Bewertung.

In der Begründung der Jury heißt es: „Das Feuerwehrhaus fügt sich eindrucksvoll in die Landschaft am Waldrand ein und imponiert gleichzeitig durch seine starke, ausdruckskräftige und eigenständige Präsenz. Der zweigeschossige, abgeschrägte Bau verfügt über eine souveräne klare Formensprache. Zudem sind Büros, Sozial- und Schulungsräume gekonnt integriert. Dem Feuerwehrhaus gelingt es hervorragend, sich mit großer Geste der Stadt und seinem Aktionsraum zuzuwenden und sich gleichzeitig mit seiner Rückseite harmonisch in die Landschaft einzubetten.“

Die Feuerwehr Wannweil heute

Heute ist die Feuerwehr Wannweil mit 41 Kameradinnen und Kameraden in der Einsatzabteilung eine der kleineren Feuerwehren des Landkreises Reutlingen. Den Nachwuchs generiert die Feuerwehr hauptsächlich aus den Reihen der eigenen Kinderfeuerwehr, die 2016 als eine der ersten im Landkreis gegründet wurde, und aus der Jugendfeuerwehr, die seit 1981 besteht. Ihr 40-jähriges Jubiläum in diesem Jahr konnte die Jugendfeuerwehr leider pandemiebedingt nicht feiern. In der Zeit von 1971 bis 1991 hatte die Feuerwehr Wannweil auch einen Spielmannszug. Er hat sich allerdings aufgrund fehlenden Nachwuchses aufgelöst.

Einsatzgeschehen

Pro Jahr fahren die Mitglieder der Einsatzabteilung durchschnittlich zwischen 35 und 40 Einsätze. Der Schwerpunkt liegt jedoch eher auf kleineren Einsätzen wie Türöffnungen oder dem Beseitigen von Ölspuren. Einer der größten Brandeinsätze im Ort war sicherlich der am 30. Januar 1991 ausgebrochene Brand im Zimmereibetrieb Siller. Die kompletten Betriebseinrichtungen fielen dem Feuer zum Opfer. Der Brand wurde mehrere Stunden gemeinsam mit den Einsatzkräften der Feuerwehr Reutlingen bekämpft. Zudem musste die direkt an dem Betrieb vorbeiführende Eisenbahnstrecke über mehrere Stunden komplett gesperrt werden. Letztendlich konnten die Einsatzkräfte den Totalverlust des Betriebs nicht verhindern. Die angrenzenden Gebäude konnten sie jedoch halten.

Ein heftiges Unwetter

Als eine der größten oder längsten Hilfeleistungen gilt das Hagelunwetter am Sonntag, dem 28. Juli 2013. Das Unwetter verursachte, mit einem Gesamtschaden von 3,6 Mrd. Euro, den bis dahin größten Hagelschaden und mit 2,8 Mrd. Euro versicherten Schäden den bisher größten Schaden durch ein Einzelereignis in Deutschland für die Versicherungswirtschaft. Gegen 15.30 Uhr hatte sich die als Superzelle eingestufte Gewitterfront über dem Schwarzwald gebildet und war entlang der Schwäbischen Alb weitergezogen. Hier kam es in einer bis zu 15 km breiten Schneise zu schwerem Hagelschlag mit bis zu 8 cm großen Hagelsteinen. Reutlingen hatte es extrem schwer getroffen. Die Feuerwehrleitstelle in Reutlingen hatte in den zwei Tagen nach dem Unwetter 10.900 Notrufe erhalten. Hierbei entfielen knapp über 600 Einsatzstellen auf die Gemeinde Wannweil. Zur Bewältigung der vielen Einsatzstellen wurden zahlreiche Verbände von Feuerwehren, THW und weitere Hilfsorganisationen aus Baden-Württemberg zusammengezogen. Zeitweise waren bis zu 120 Einsatzfahrzeuge und über 800 Einsatzkräfte in Reutlingen und Umgebung im Einsatz. Im Schichtsystem waren bis zu fünf Feuerwehren mit bis zu 15 Fahrzeugen im Ortsgebiet im Einsatz, um die zerstörten Dächer notdürftig zu sichern. Erschwert wurden die Arbeiten dadurch, dass in den folgenden Tagen wieder Temperaturen von über 30° C erreicht wurden. So gehörte die Tube mit Sonnencreme zu einem der wichtigsten Bestandteile der Persönlichen Schutzausrüstung. Schließlich wurde am 2. August 2013 der Einsatz für beendet erklärt. Zwischenzeitlich waren aus ganz Deutschland Handwerksbetriebe vor Ort, die mit den Reparaturen begonnen hatten.

Frank Herrmann
Feuerwehr Wannweil

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