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MELDUNGEN - 4. Dezember 2019

Grenzenloses Europa

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Dort, wo im Kalten Krieg die politischen Systeme aufeinanderprallten und Menschen an der Grenze starben, arbeiten die Rettungsdienste Bayerns und der Tschechischen Republik heute Hand in Hand. Die Vorteile Europas für den Einzelnen und der Lohn, sich auch nach schwierigen Beziehungen anzunähern, werden hier besonders sichtbar.


Erschienen in: FEUERWEHR Ausgabe 11/2019

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Das Verhältnis des Freistaats Bayern und der Tschechischen Republik ist historisch schwierig. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehörte Tschechien zu Österreich-Ungarn. 1918 wurde die Tschechoslowakei, ein Vielvölkerstaat, unabhängig. Teil davon war auch das deutschsprachige Sudetenland. Die durch die Nazi-Herrschaft erzwungene Abtretung des Sudetenlands an das Deutsche Reich, die Herrschaft der Deutschen über das „Protektorat Böhmen und Mähren“ und die Unterdrückung der heimischen Bevölkerung beschädigten das nachbarschaftliche Verhältnis stark. Ab dem Kriegsende 1945 wurden die Sudentendeutschen aus der Tschechoslowakei vertrieben. Gab es bis 1945 von Deutschen verübte Massaker an Tschechen, wurden diese nun gegenüber Sudetendeutschen ausgeführt. Die als „Benes-Dekrete“ in die Geschichte eingegangenen Präsidialdekrete aus dem Jahr 1945, welche die entschädigungslose Enteignung für die Vertriebenen bedeuteten, belasten das Verhältnis bis heute. 1948 wurde die Tschechoslowakei kommunistisch, und die Grenze zu Bayern war fortan geschlossen.

Erste Annäherungen

Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs begann auch auf lokaler Ebene wieder eine Annäherung beider Völker. Im Dezember 2010 reiste Horst Seehofer als erster bayerischer Ministerpräsident nach Tschechien. Im Dezember 2014 eröffnete die Repräsentanz des Freistaats Bayern in der Tschechischen Republik. Im Rahmen der Bayerisch-Tschechischen Landesausstellung zu Karl VI. im Jahr 2016 sagte Ministerpräsident Seehofer in Anwesenheit des tschechischen Premiers Bohuslav Sobotka:

„Ich bin stolz, heute sagen zu können: Bayern und Tschechen sind wieder Freunde im Herzen Europas. Dieses Glück unserer Gegenwart ist aber zugleich Auftrag und Verpflichtung für die Zukunft. Wir wollen die Kontakte zwischen unseren Ländern weiter vertiefen. Denn diese Freundschaft kann nicht vom Staat verordnet werden. Sie muss von den Menschen selbst gelebt werden. Von jeder Generation aufs Neue.“

Genau dies tun die Rettungsdienste diesseits und jenseits der Deutsch-Tschechischen Grenze. Wo einst eine harte Grenze die Bevölkerung der Nachbarländer gewaltsam trennte, retten Tschechen und Deutsche heute gemeinsam Menschenleben. Ein Symbol, dass Grenzen nicht auf Ewigkeit bestehen und ein Beweis dafür, wie Europa unser Leben in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten positiv beeinflusst hat.

Zusammenarbeit über Grenzen hinweg

Wir haben Manfred Maurer vom Bayerischen Roten Kreuz und MUDr. Jiří Růžička, PhD vom Rettungsdienst der Region Pilsen, nach der Zusammenarbeit gefragt:

„Das Projekt begann zum 30. Juni 2016 mit einer dreijährigen Laufzeit. Das Ziel unseres Projekts ist die Schaffung von Rahmenbedingungen und die Weiterentwicklung, dass die Rettungsdienste beider Länder auf Grundlage praxisnaher Regelungen sinnvoll, strukturiert und schnell grenzübergreifendes Helfen sicherstellen können. Es handelt sich um ein Pilotprojekt, dessen Ergebnisse einen nachhaltigen, praxisnahen Ausbau der Notfallrettung zwischen den Rettungsdiensten erreichen und umsetzen sollen“, erklärt Projektleiter Manfred Maurer vom Bayerischen Roten Kreuz.

Dabei wird im Projekt ein neuer, praxisnaher und zukunftsweisender Ansatz hinsichtlich einer zu optimierenden grenzüberschreitenden Notfallversorgung verfolgt. Die Koordinierung, die Zusammenarbeit und der Wissenstransfer aller im Rettungsdienst beteiligten Organisationen stehen mithilfe der Technischen Hochschule Deggendorf und der Westböhmischen Universität in Pilsen im Vordergrund.

„Das Kompetenz- und Koordinierungszentrum wird seit dem 1. Juli 2019 vom Bayerischen Roten Kreuz weiterbetrieben, auch wenn die Förderung durch Ablauf des Projekts wegfällt. Ab dem 1. Januar 2020 hoffen wir auf ein neues Projekt, das sich noch mehr in Richtung Praxis bewegt, u. a. durch Integration eines tschechischen Rettungsdienstlers im Zentrum und mit monatlichen Kleinübungen über die Grenze hinweg“, so Maurer.

Das Kompetenz- und Koordinierungszentrum des BRK dient allen Projektpartnern als gemeinsame Anlaufstelle. Hier werden Aktivitäten des Projekts geplant, umgesetzt und überwacht. Dieses Zentrum soll auch anderen Regionen als Beispiel für die Grundlage einer grenzübergreifenden Zusammenarbeit dienen und somit für eine Nachhaltigkeit dieser Zusammenarbeit sorgen. Konkret: Die grenzübergreifende Zusammenarbeit und das Wissen um das Notfallsystem jenseits der Grenze sollen verbessert werden.

„Die Notfallhilfe war historisch in der Tschechischen Republik mit dem Tschechischen Roten Kreuz verbunden. Nach dem Krieg gab es eine Trennung der Notfallhilfe, die Krankenhäuser wurden eingebunden. Der Rettungsdienst in der Tschechischen Republik wurde schließlich auf Landkreisebene organisiert. Die Entwicklung führte zu einer weiteren Zentralisierung, die heute auf der Bezirksebene endet. Die Tschechische Republik ist in 14 Regionen unterteilt (einschließlich der Hauptstadt Prag), und jede Region kümmert sich um ihren eigenen Rettungsdienst. Der Rettungsdienst arbeitet als regionale (und bezuschusste) Organisation der einzelnen Bezirke. Gelegentlich gibt es auch private Rettungsdienste, deren territoriale Tätigkeit per Vertrag festgelegt ist. Ihre Zahl nimmt jedoch mit der Zeit ab, alles wird nach und nach immer mehr zentralisiert. Die Krankenkassen übernehmen heute rund 40 % der laufenden Kosten, die übrigen finanziellen Mittel werden dann vom Bezirk übernommen und der Rettungsdienst kann auch eigene Mittel durch eigene Aktivitäten gewinnen“, erklärt MUDr. Jiří Růžička, PhD, Verantwortlicher für den  Bereich „Koordinierungskonzept Grenzüberschreitender Rettungsdienst“ beim Rettungsdienst der Region Pilsen.

Die Hilfsfrist beträgt in der ganzen Tschechischen Republik 20 min, sofern keine besonderen Gründe für einen längeren Zeitraum vorliegen. In der Praxis bedeutet dies, dass diese Zeit für alle Gemeinden eingehalten wird. Es kann jedoch sein, dass dies in sehr dünn besiedelten Gebieten nicht immer der Fall ist.

„In der Region Pilsen beträgt die durchschnittliche Fahrzeit 8 min, in den großen Städten etwa die Hälfte, also ca. 4 min. Unser Rettungsdienst ist eine rein professionelle Organisation. Wir haben keine ehrenamtlichen Mitarbeiter – mit Ausnahme der Wasserrettung. Dadurch sind die möglichen Versorgungskapazitäten eingeschränkt. Im Pilsner Bezirk gibt es mehr als 30 Rettungswachen, von diesen liegen nur noch sechs unmittelbar entlang der tschechisch-bayerischen Grenze. Wir verfügen über zwei Gruppen mit einem Arzt. Das Netzwerk ist also weniger dicht als in Bayern. Ich möchte an dieser Stelle nicht bewerten, was besser oder schlechter ist. In der Tat ist ein dichtes Netzwerk eine gute Nachricht für die Wähler und auch für die Politik. Die Kehrseite der Münze: je mehr Gruppen, desto weniger Einsätze pro Gruppe gibt es. Und wenn man etwas wissen will, dann muss man dies praktisch üben – und im Rettungsdienst gilt das doppelt. Aber wir haben keine Analyse der bayerischen Rettungswachen durchgeführt und auch nicht die Analyse der durchgeführten Einsätze pro Einsatzgruppe. Unsere persönlichen Erfahrungen mit den bayerischen Notfallsanitätern sind nur positiv“, so Jiří Růžička.

Beurteilung der gemeinsamen Arbeit

Auch Manfred Maurer vom BRK sieht die Zusammenarbeit heute sehr positiv. Dies war jedoch nicht immer so, wie er rückblickend resümiert: „Fakt ist aber leider auch, dass durch unzeitgemäße Vorschriften und Verordnungen, unterschiedlichste Sachzwänge, Informationslücken und Sprachbarrieren ein zeitgerechter, schneller, effizienter und moderner grenzüberschreitender Rettungsdienst früher so nicht möglich war. Kontakte waren eher sporadisch, Ansprechpartner und Zuständigkeiten nicht bekannt. Ausbildungen, Ausrüstungen und die vorhandene medizinische Versorgungsstruktur im jeweiligen Nachbarland waren nicht kommuniziert und somit nicht in Planungen einbezogen“.

Dies ist heute Vergangenheit. Die Kollegen aus Bayern und aus der Tschechischen Republik sind in engem Austausch miteinander.

„Wir haben durch viele gemeinsame Übungen die gegenseitigen Ressourcen kennengelernt. Bei gemeinsamen Workshops konnten wir Akteure beider Seiten definieren und zusammenbringen. Die Ausbildung der tschechischen Rettungsdienstler ist mittlerweile in Bayern anerkannt, und wir haben sogar Beschäftigte, die ihr Handwerk in Tschechien erlernt haben. Fahrzeuge aus der Tschechischen Republik wurden bei verschiedenen bayerischen Kongressen vorgestellt. Gemeinsame Strategien wurden besprochen (z. B. zweisprachige TRIAGE). Seit dem 1. Januar 2019 gibt es eine gemeinsame Kommunikationsplattform (Babylon2), die sich zwischen den Leitstellen Hochfranken, Nordoberpfalz und Regensburg (alle BY) sowie Pilsen und Karlsbad (CZ) mittlerweile bei über 200 Einsätzen bewährt hat“, erklärt Maurer.

Doch es bleiben auch Unterschiede. So sind in der Tschechischen Republik alle Ärzte direkt beim Rettungsdienst angestellt. Manche sind sogar bei mehreren Rettungsdiensten in mehreren Bezirken angestellt. Ärzte, die extern beim Rettungsdienst arbeiten, bilden einen geringen Anteil an ärztlichen Kräften. Gemeinsame Leitstellen von Feuerwehr und Rettungsdienst existieren noch nicht. Bei einem Massenanfall an Verletzten können die Verantwortlichen in der Tschechischen Republik nicht auf die in Deutschland verfügbare große Zahl an Ehrenamtlichen im Rahmen des Katastrophenschutzes zurückgreifen. Ein Fakt, welcher die Kollegen aus dem Nachbarland sehr beeindruckt hat.

„Aus meiner persönlichen Sicht ist zusammenfassend festzuhalten, dass die medizinischen Ansätze in beiden Ländern gleich sind. Der einzige, meiner Meinung nach sehr signifikante Unterschied besteht in der angebotenen Besprechung mit dem Arzt und in den Behandlungen. In der Tschechischen Republik ist es Standard, dass ein Notfallsanitäter vor Ort einen Arzt anruft, der auf dem Weg zum Unfallort ist, wenn er aufgrund seiner Kompetenzen das Krankheitsbild nicht selbst behandeln kann. Der Arzt legt dann die Medikamente und Verfahren fest, die verabreicht werden sollen, bevor er den Unfallort erreicht. Dem sind keine Grenzen gesetzt. Bayerische Notfallsanitäter haben dies, so wie ich es gesehen habe, nicht einmal getan. Es ist wahrscheinlich kein Standard in unserem Nachbarland. Dies ist meines Erachtens die Schuld des bayerischen Systems, da es Krankheiten gibt, bei denen die Verzögerung der Verabreichung des Arzneimittels um einige Minuten fatale Folgen für den Patienten haben kann“, sagt Jiří Růžička.

Und mit Blick auf seine Beobachtungen bei einer Übung in Deutschland:

„Die bayerische Übung, die ich sehen durfte, hat mich beeindruckt. Dank des enormen Netzwerks von Freiwilligen ist die Kapazität des bayerischen Systems viel größer als in der Tschechischen Republik. Die Katastrophenhilfe ist in Bayern deutlich besser organisiert, und wir können von unseren Kollegen viel lernen. Die zweite Frage ist, ob die medizinischen Einrichtungen in Bayern in der Lage wären, die Verletzen aufzunehmen. Es war eine Überraschung für mich, dass bei dieser Übung die Patienten nicht ins wirkliche Krankenhaus gebracht wurden, und diese haben leider nicht an der Übung teilgenommen. In der Tschechischen Republik ist es immer anders, während der Übung nimmt ein Krankenhaus immer an Übungen teil und versucht, die hohen Zahlen von Patienten unterzubringen.“

Manfred Maurer, der Projektleiter des Bayerischen Roten Kreuzes, sieht auch die Unterschiede zwischen beiden Ländern – aber eben auch die Gemeinsamkeiten und das bisher Erreichte: „Rechtlich gesehen erlaubten es bisher die Rettungsdienstgesetze beider Länder nicht, über die Grenzen hinweg tätig zu werden. Es war ein ständiges Bangen‚ dass ja nichts passiert, da weder die Ausstattung noch die Ausbildungen der Nachbarn bekannt bzw. legitimiert waren. Da die Rettungsdienste ihre landeseigenen Vorhaltungen zu erfüllen hatten, stellte sich auch hier die Frage der Zulässigkeit von Auslandseinsätzen. Die Verbringung von Betäubungsmitteln über die Grenze stellt bis heute ein noch zu lösendes Problem dar. Bayerische Regelungen wie z. B. der ‚Helferführerschein‘ waren in Tschechien nicht anerkannt. Auch das Tätigwerden von Notärzten im Ausland gestaltete sich schwierig, da diese dort keine offizielle Zulassung hatten. Bis zum 31.  Dezember 2018 kommunizierten die Leitstellen noch über zweisprachige Faxe oder über den Umweg der gemeinsamen Dienststelle (BY+CZ) der Polizei in Schwandorf, da dort immer ein tschechisch-sprachiger Kollege im Dienst war. Organisationstechnisch merkten wir sehr schnell, dass die Systeme im Bereich der Notfallrettung beinahe identisch sind, mit Rettungswagen und Notarzt. Da die Ausbildung der Partner in Tschechien an einer medizinischen Hochschule durchgeführt wird und mit dem Bachelor endet, liegen allerdings dort die Kompetenzen der Rettungsassistenten (Zachrana) höher als in Deutschland“, erklärt er.

Maurer und sein Kollege Růžička haben in der Vergangenheit bereits viel erreicht. Einiges ist aber auch noch zu tun, um einen grenzüberschreitenden Rettungsdienst dies- seits und jenseits der Grenze zwischen Bayern und der Tschechischen Republik ganz selbstverständlich werden zu lassen. Der gute Wille, neue Konzepte und Sichtweisen des anderen anzunehmen und wo möglich in das eigene System zu integrieren, ist gegeben. 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist das ein Verdienst aller Beteiligten und ein Zeichen, wie der europäische Gedanke Grenzen überwinden kann.

Urs Weber

Bildquelle: BRK

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