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MELDUNGEN - 30. September 2020

Jubiläum der Retter in Orange – 800.000 Einsätze

2020_06

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Am 16. April 2020 flog der in Hannover stationierte ZSH Christoph 4 den 800.000. Einsatz eines Zivilschutz-Hubschraubers seit 1971. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) würdigte den Jubiläumseinsatz am 17. Juli 2020 mit einem Festakt in Bonn.


Erschienen in: FEUERWEHR Ausgabe 9/2020

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Die flächendeckende Luftrettung in Deutschland wurde in den 1970er-Jahren (zunächst in Westdeutschland) etabliert und hat sich seither stetig weiterentwickelt. Die verschiedenen Luftrettungsstationen werden heute teilweise vom Bund betrieben und teilweise von privatrechtlichen Organisationen wie bspw. der ADAC Luftrettung oder der DRF Luftrettung. Zum Bund gehören etwa die Zivilschutz-Hubschrauber (ZSH). In diesem Jahr stand für die vom Bund betriebene Luftrettung ein Jubiläum an: Am 16. April 2020 flog Christoph 4 den 800.000. Einsatz eines Zivilschutz-Hubschraubers.

Rückblick

Am 21. Dezember 1971 nahm in Leverkusen Johannes Köln 3, eine cadmiumgelbe BO 105 von Messerschmitt-Bölkow-Blohm, seinen Dienst als erster ZSH des Bundes auf. Weitere Maschinen folgten. Anfang 1980 waren es bereits insgesamt 18 Stationen, an denen ZSH stationiert waren. Auch die vom ADAC seit November 1970 betriebene Luftrettungsstation in München (s. Kasten S. 17) war zum 1. Januar 1975 vom damaligen Bundesgrenzschutz übernommen worden. In der Wendezeit kamen weitere Stationen in den fünf neuen Bundesländern hinzu. Allerdings zeichnete sich schon damals ein Wandel ab: Ab Mitte der 1990er-Jahre wurden bis dahin von der Bundeswehr betriebene Luftrettungszentren, z. B. Würselen (bei Aachen), Koblenz, Nürnberg, Rheine und Ulm an die Luftrettungsorganisationen ADAC Luftrettung und DRF Luftrettung (damals „Deutsche Rettungsflugwacht e. V.“ bzw. „Team DRF“) abgegeben. Auch ZSH-Stationen wurden entsprechend „privatisiert“. So gingen bspw. der Christoph 5 in Ludwigshafen, der Christoph 10 in Wittlich und der Christoph 16 an den ADAC sowie der Christoph 11 in Villingen-Schwenningen und der Christoph 18 in Ochsenfurt an die DRF.

Gelegentlich gab es auch entgegengesetzte Entwicklungen: Während die Bundeswehr 2006 ihr Luftrettungszentrum in Neustrelitz an die ADAC Luftrettung abgab, wurde etwa zur gleichen Zeit der Bundesgrenzschutz (BGS, die heutige Bundespolizei BPOL) überraschend Nachfolger der Bundeswehr-Rettungsflieger am Rettungszentrum Wandsbek in Hamburg. Dort war die Bundeswehr jahrzehntelang mit einer einturbinigen Bell UH-1D geflogen. Sie wurde im Januar 2006 zunächst durch eine zweiturbinige Bell 212 des BGS und im Juli 2007 durch eine EC 135 T2i ersetzt. 2006 und 2007 wurden alle BO 105 CBS-5 (diese ersetzten bis 1997 alle älteren BO-105-Varianten an den ZSH-Standorten) sowie die in Eutin bzw. Güstrow stationierten Bell 212 durch moderne EC 135 T2i ersetzt.

Zivilschutz-Hubschrauber heute

Heute verfügt der Bund über 18 orange lackierte Zivilschutz-Hubschrauber an zwölf Luftrettungsstationen. 15 davon sind Maschinen des Typs EC 135 T2i. An den beiden Stationen im Alpenvorland („Christoph 14“ in Traunstein und „Christoph 17“ in Durach) sind drei H135 stationiert. Bei ihnen handelt es sich um zwei Neuanschaffungen aus dem Jahr 2018 sowie eine EC 135 T2i mit Upgrade aus dem Baujahr 2007.

Die ZSH werden in erster Linie für den Zivilschutz, also den Einsatz in einem Spannungs- oder Verteidigungsfall, vorgehalten. Sie transportieren Schwerverletzte oder Erkrankte nach erster Behandlung vor Ort ab, erkunden und überwachen Schadenstellen oder beobachten und lenken Flüchtlingsströme. Sie können radioaktive Strahlung aus der Luft messen sowie Spezialisten und Material transportieren. In Friedenszeiten gestattet der Bund den Ländern, die Helikopter im Luftrettungsdienst zu nutzen. Dann werden die Notärztinnen und Notärzte meist vom jeweiligen Stationskrankenhaus und die Notfallsanitäter*innen von den Hilfsorganisationen und Berufsfeuerwehren gestellt. Die Pilot*innen kommen von der Bundespolizei, die auch die Wartung übernimmt.

Bei Engpässen wie einer größeren Wartung oder ungeplanten Ausfällen kann zusätzlich auf die blauen Verbindungshubschrauber (VBH) der Bundespolizei-Fliegerstaffeln zurückgegriffen werden. Sie können in kürzester Zeit zu ZSH umgerüstet werden.

Jubiläumseinsatz am 16. April 2020

Die Crew des Christoph 4 absolvierte Mitte April einen in mehrfacher Hinsicht besonderen Einsatz. Die Regionalleitstelle Hannover-Land hatte den ZSH zu einem Notfalleinsatz in einem unübersichtlichen Waldstück alarmiert. Dort war der 14-jährige Tom Joshua Schiffko schwer mit dem Mountainbike gestürzt. Der Schüler war mit seiner jüngeren Schwester Lilly und seinem besten Freund in einem Waldstück in der Gemeinde Edemissen (NI) unterwegs, als er über eine Wurzel stürzte, sich überschlug und verletzt liegenblieb. Seine jüngere Schwester holte Hilfe. Eine zufällig vorbeikommende Gesundheitspflegerin (Krankenschwester) führte erste Maßnahmen der erweiterten Ersten Hilfe durch und setzte mit ihrem Mobiltelefon den Notruf über die europaweit gültige Notrufnummer 112 ab. Kurz darauf schwebte auch schon der „Retter in Orange“ nach kurzem Suchflug über der Unfallstelle, wo Tim auch von seinem besten Freund betreut wurde. Die Notärztin Marika Sarakintsis von der MHH und der Notfallsanitäter/TC-HEMS Marc Lüpkemann von den Johannitern versorgten den Patienten. Der Pilot von der Bundespolizei flog ihn anschließend mit einem komplizierten Armbruch zur weiteren Versorgung in die Hannoveraner Klinik der Maximalversorgung, die er nach wenigen Tagen wieder verlassen konnte.

Feierlichkeiten

Retter und Patient trafen am Freitag, 17. Juli, in der Bundesstadt Bonn nach einem Vierteljahr erstmals wieder zusammen. Allerdings hatte Marika Sarakintsis einen nicht verschiebbaren Dienst, sodass sie vom Ltd. Hubschrauberarzt Dr. Christian Macke vertreten wurde.

Vor einigen Fernseh-, Radio-, Print- und Online-Teams wurde der Einsatz minutiös erläutert, moderiert durch einen Mitarbeiter des BBK. Die Presse hatte Gelegenheit, Interviews mit allen Beteiligten zu führen. Noch am gleichen Abend sowie am darauffolgenden Wochenende berichteten u. a. der Westdeutsche Rundfunk (WDR) sowie lokale und überregionale Medien, vorwiegend aus Nordrhein-Westfalen, über den Festakt und über die fast 50-jährige Geschichte der ZSH-Luftrettung.

Groß gefeiert wird das Jubiläum „50 Jahre Zivilschutz-Hubschrauber“ übrigens erst im kommenden Jahr: Im Dezember 2021 jährt sich die Indienststellung des ersten Zivilschutz-Hubschraubers Johannes Köln 3, des späteren Christoph 3, zum 50. Mal.

Zuvor werden die ADAC Luftrettung an die Indienststellung ihres ersten Rettungshubschraubers Christoph 1 (1. November 1970 in München) und die Bundeswehr an die Indienststellung ihres ersten permanent mit einem Notarzt besetzten Search-and-Rescue (SAR)-Hubschraubers SAR 74 (2. November 1971 in Ulm) erinnern.

Jörn Fries, Bildquelle: BBK

 

Quellen:
https://presse.adac.de/meldungen/adac-stiftung/luftrettung/50-jahre-adac-luftrettung-start-insjubilaeumsjahr-mit-fotografischer-zeitreise.html vom 25.11.2019
www.bbk.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/BBK/DE/2020/07/PM_ZSH_heben_achthunderttausend_Mal_ab.html vom 17.07.2020
www.rth.info/stationen.db/station.php?id=3&show=3
www.rth.info/stationen.db/station.php?id=4&show=4
www.rth.info/stationen.db/station.php?id=29&show=29
https://presse.adac.de/meldungen/adacstiftung/luftrettung/1-million-einsaetze.html

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