Home Allgemein Hygiene im Feuerwehrdienst
Allgemein - MELDUNGEN - 26. Juni 2019

Hygiene im Feuerwehrdienst

2019_11

Mehr aktuelle Beiträge und Einsatzberichte finden Sie in:
FEUERWEHR | RETTEN – LÖSCHEN – BERGEN
Deutschlands große Feuerwehrzeitschrift
JETZT LESER WERDEN

Am 8. Mai 2019 führte die FF Falkensee (BB) ihren ersten Fachtag „Einsatzhygiene“ durch. Ziel ist es, auf die vielerorts noch völlig vernachlässigte Hygiene im Einsatzdienst der Feuerwehr aufmerksam zu machen und das Risiko, an bestimmten Krebsarten zu erkranken, zu verringern.


Erschienen in: FEUERWEHR Ausgabe 5/2019

Hygiene Feuerwehrdienst 1
Hygiene Feuerwehrdienst 2
Hygiene Feuerwehrdienst 3
Hygiene Feuerwehrdienst 4

JETZT LESER WERDEN


In seinem Grußwort unterstrich der Vizepräsident des LFV Brandenburg Frank Kliem, auch als Fachkraft für Arbeitssicherheit, den hohen Stellenwert der Einsatzhygiene. Danach folgte eine allgemeine Einleitung von Marcus Bätge (Feuerwehr Hamburg und FeuerKrebs gUG) in das Thema Krebserkrankungen bei Feuerwehrleuten durch die Brandgase.

Die Möglichkeiten zur Dekontamination und Reinigung von Atemschutzgeräten beschrieb André Janicke von Interspiro.

Frank Steffen von Pico-Medical erläuterte die Einsatzmöglichkeiten von Reinigungstüchern. Sein Unternehmen will dazu auf der Rettmobil in Fulda ein abgestuftes Konzept mit verschiedenen Tüchern präsentieren.

Einen interessanten Vortrag zur Reinigung und Dekontamination von Schutzkleidung hielt Axel Meyer (Meyer und Kuhl Spezialwäschen GmbH).

Während Holger Notzke von der Berliner Feuerwehr im letzten Teil der Veranstaltung erst von Konzepten und Ideen für ein Hygienekonzept berichten konnte, stellte Daniel Brose, Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Falkensee, das seit einigen Jahren erfolgreich praktizierte Vorgehen vor. Dabei wurde deutlich, dass es einen großen Unterschied macht, ob man ein Konzept für etwa 100 oder für rund 4.700 Einsatzkräfte von BF und FF entwickeln und umsetzen muss.

Risiko Brandbekämpfung

Einsatzkräfte der Feuerwehr sind häufig mit Schadstoffen, insbesondere im Brandrauch konfrontiert. Ruß, Asbest, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und andere Gifte können das Erbgut verändern und Krebs auslösen. Durch die Vielzahl an enthaltenen Stoffen im Brandrauch ist eine Zuordnung als Ursache für einzelne Krebsarten schwierig bis nahezu unmöglich.

Begünstigt wird das erhöhte Krebsrisiko durch eine fehlende Schwarz-Weiß-Trennung bereits an der Einsatzstelle, eine Kontaminationsverschleppung bis in die Feuerwehrhäuser und weiter in den privaten Bereich sowie fehlende oder mangelhafte Hygienekonzepte, z. B. durch einen kargen Wäsche-Pool an den Wachen, wodurch sich die Tragezeiten der persönlichen Schutzausrüstung (PSA) bei den Einsatzkräften noch verlängert.

Verändertes Brandverhalten

Wer schon länger Angehöriger und Einsatzkraft der Feuerwehr ist, kann sich an Zeiten erinnern, in denen die Brandbekämpfung in einfacher Schutzkleidung aus Schurwolle oder Baumwolle durchgeführt wurde.

Schon damals gingen die Brandrückstände und der Ruß quasi durch bis auf die Haut. Im Laufe der letzten 15 bis 20 Jahre hat sich das Brandverhalten aber stark verändert. Durch den hohen Anteil von Kunststoffen aller Art verlaufen Brände heute schneller und intensiver. Außerdem sind die Rauchgase giftiger (siehe Feuerwehr 10/2017, ab Seite 6). Durch den weitweiten Handel mit allen Produkten ist dies überall auf der Welt so.

Brandrauch ist krebserregend

Brandrauch enthält immer krebserregende Stoffe. Für Autoabgase, Rauchen und seit jüngster Zeit auch für das Grillen mit Holzkohle ist das Krebsrisiko nachgewiesen, während es bei der Brandbekämpfung durch die Feuerwehr immer noch kontrovers diskutiert wird.

In verschiedenen Studien im Ausland wurde bereits nachgewiesen, dass bestimmte Krebserkrankungen bei Feuerwehrleuten durch die (häufige) Kontamination mit den Giftstoffen in Brandgasen häufiger auftreten. In Kanada sind beispielsweise 17 Krebsarten als Berufskrankheit bei Feuerwehrleuten anerkannt.

In Deutschland tut man sich mit der Anerkennung ausländischer Ergebnisse schwer, und die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) führt aktuell eine eigene Biomonitoring-Studie durch.

Dazu werden Einsatztrupps bei verschiedenen Feuerwehren (Hamburg, Bremen, Berlin, Bochum) untersucht. Diese müssen während des Dienstes vor und nach Brandeinsätzen regelmäßig Urinproben abgeben. Zusätzlich trägt einer unter der Schutzkleidung zur Brandbekämpfung noch lange Unterziehkleidung (Bestimmung der Hautkontamination). Daraus sollen Messwerte ermittelt werden, die die Schadstoffbelastung durch PAK nach Brandeinsätzen verdeutlichen.

Letztendlich sollen Handlungsempfehlungen für die deutschen Feuerwehren entstehen und ein Konzept zur Dokumentation von Einsätzen erstellt werden.

Schwierig ist derzeit noch der Nachweis für jede Einsatzkraft, dass sie bei einem Brandeinsatz eingesetzt und kontaminiert wurde. Dieser Nachweis muss 40 Jahre aufbewahrt werden, aber welches Speichersystem ist bei den ständigen Veränderungen in der IT-Technik so langlebig? Es bietet sich hier die Zentrale Expositionsdatenbank (ZED) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) an. Hier werden die Daten zentral und für Betroffene und sie behandelnde Stellen greifbar aufbewahrt.

Aber ist das ein neues Thema?

Seit vielen Jahren und Jahrzehnten gibt es die unterschiedlichsten Studien zur Gefährlichkeit von Keimen (z. B. Bakterien, Pilze, Viren, Parasiten) und anderen Schadstoffen (z. B. PAK). Die Gefahren sind längst bekannt, wurden aber zumindest im Bereich der Feuerwehren bisher meist nicht ganz so ernst genommen und oft auch nicht ausgebildet.

Bereits 1775, während der industriellen Revolution in Großbritannien, veröffentlichte der englische Chirurg Percival Scott (1714 – 1788) eine Studie, die das erhöhte Auftreten von Hodenkrebs, vornehmlich bei jungen Schornsteinfegern, beschrieb. Auf öffentlichen Druck hin wurde dann 1778 eine Verordnung zum besseren Schutz von Schornsteinfegern und ihren Auszubildenden verabschiedet.

Hygiene ist also nichts Neues, aber dank verschiedenster Aufklärung wird das Thema nun auch bei den Feuerwehren immer mehr beachtet.

Warum ist Hygiene so wichtig?

Hygiene ist Gesundheitspflege: Gemäß der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezieht sich die Hygiene auf Bedingungen und Handlungen, die dazu dienen, die Gesundheit zu erhalten und die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern. Dies dient dem Schutz der verunfallten Personen/Patienten, für sich selbst, für Angehörige zu Hause, der Anwender/Atemschutzgeräteträger und dem Geräteaufbereiter.

Eigentlich ist längst alles geregelt. Es gibt das Infektionsschutzgesetz (IfSG), zahlreiche Richtlinien der Krankenhaushygiene und Infektionsprävention des Robert Koch-Instituts (RKI) Berlin.

Die technischen Richtlinien für biologische Arbeitsstoffe (TRBA) bilden das technische Regelwerk im Rahmen der Biostoffverordnung (BioStoffV).

Die technischen Richtlinien für Gefahrstoffe (TRGS) bilden dagegen das technische Regelwerk im Rahmen der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV).

Sowohl die einzelnen TRBA als auch die TRGS geben den Stand der Technik, Arbeitsmedizin und Arbeitshygiene einschließlich deren Einstufung wieder.

Eigenschutz

Um uns selbst möglichst gut zu schützen, müssen wir Einsatzkräfte unsere seit Jahrzehnten gelebten Verhaltensweisen drastisch ändern.

Es darf nicht der mit der dreckigsten Persönlichen Schutzausrüstung, sei es der Helm, der Schutzanzug, die Handschuhe oder Stiefel, der größte „Held“ sein.

Wie wird es vielerorts noch gelebt? Nach der Brandbekämpfung stapft der eingesetzte, verdreckte (kontaminierte!) Trupp zurück zum Fahrzeug, legt dort das Atemschutzgerät ab und setzt sich für eine Erholungspause erst einmal mit den dreckigen Klamotten in die Kabine. Der Maschinist reicht noch Mineralwasserflaschen an, die schnell geöffnet werden, und es wird gierig getrunken. Anschließend wird dann von vielen erst einmal die „Feuerzigarette“ geraucht. Kaum einer hält sich gemäß den Regeln der Hygiene, an den Grundsatz, dass man sich erst einmal reinigt/dekontaminiert, bevor etwas gegessen, getrunken oder geraucht wird. Auch die Kontaminationsverschleppung sollte vermieden werden. Vieles davon zeigt ein Video, das Versuche mit der Feuerwehr Palm Beach County (USA) zeigt (Link siehe weitere Infos am Ende).

Dass man es auch anders machen kann, beschreibt die Vorgehensweise der FF Falkensee nach einem Brandeinsatz.

Hygienekonzept der FF Falkensee

Die Stadt Falkensee liegt im „Speckgürtel“ Berlins und hat heute über 45.000 Einwohner (1990 nur 21.000 Einwohner) auf einer Fläche von 43 km². Die Feuerwehr ist eine Freiwillige Feuerwehr mit hauptamtlicher Feuerwache. Sie hat 31 Mitarbeiter im feuerwehrtechnischen Dienst und 60 ehrenamtliche Einsatzkräfte. Diese bewältigen rund 500 bis 600 Einsätze im Jahr.

Daniel Brose wechselte 2011 zur Feuerwehr Falkensee und wurde deren Leiter. Er kam persönlich 2007 durch ein gehäuftes Auftreten von Krebserkrankungen von FFKameraden im direkten Umfeld mit dem Thema Feuerkrebs in Kontakt.

Bei einem der diversen Besuche in Finnland wies ihn 2014 ein guter Feuerwehrkamerad auf das „Skellefta Projekt“ hin. Es begann die Entwicklung von Ideen zur Umsetzung der Hygiene und Umkleidung nach Brandeinsätzen bei der FF Falkensee.

Ab 2015 erfolgte die Umsetzung von organisatorischen Maßnahmen zur Hygiene an der Einsatzstelle. Sehr positiv wirkte sich hier auch der 2018 erfolgte Einzug in die neue Feuerwache mit einer strikten Schwarz-Weiß-Trennung und die Beschaffung eines GW-Logistik aus.

Wie funktioniert Einsatzhygiene bei der FF Falkensee aktuell?

Bei Brandeinsätzen rückt der GW-Logistik mit entsprechenden Rollcontainern zur Einsatzstelle nach.

Ablauf an der Einsatzstelle

  • eigener Einsatzabschnitt wird gebildet
  • Trupp wird nach Einsatz mit C-Rohr abgespült.
  • Trupp begibt sich zum GW-Logistik und kleidet sich dort aus. Ganz wichtig: Einsatzkräfte, die abspülen oder helfen, sollen FFP3-Maske und Einmalhandschuhe tragen!
  • Die Kleidung wird in wasserlösliche Waschbeutel verpackt.
  • Trupp soll Gesicht, Nacken, Arme und Hände waschen, z. B. durch Hygieneboard oder mit speziellen Dekon-Wischtüchern.
  • Grobe Reinigung von Helmen und Geräten, sie kommen dann in Rollcontainer zur weiteren Behandlung auf der Feuerwache (Trennung nach Schutzkleidung, Atemschutzgeräten und sonstigen Geräten, Schläuche)
  • Trupp kann sich im GW-L umkleiden.

Auf der Feuerwache

  • Trupp geht nach Rückkehr sofort auf der Wache duschen. Zum Duschen nach einem Brandeinsatz gibt es folgende Empfehlung: erst 3-5 min kalt duschen, um die Partikel von der Haut abzuwaschen. Anschließend 3-5 min mit heißem Wasser, damit sich die Poren wieder öffnen und mit dem Schweiß die Partikel ausgeschwemmt werden, die während des Schwitzens bei der Brandbekämpfung in die Poren eingedrungen sind.
  • Strenge S/W-Trennung im Gebäude, nach einem Brandeinsatz keine PSA in den Umkleideraum!
  • Die Geräte werden verpackt und verbleiben in der Waschhalle, anschließende Dekontamination in den Werkstätten.
  • PSA wird in Wäschebeutel verpackt und zur Spezialreinigung gesendet.

Der vielerorts übliche Brandgeruch nach Brandeinsätzen ist in der Wache Falkensee nicht mehr vorhanden.

Fazit

Einen 100-prozentigen Schutz vor der Möglichkeit, beim Feuerwehrdienst durch die Kontamination mit krebsfördernden Giftstoffen an Krebs zu erkranken, kann es nicht geben/gibt es nicht. Aber wenn alle Feuerwehrangehörigen schon in der Ausbildung (30 %) entsprechend unterwiesen und aufgeklärt (30 %) werden und die entsprechende Ausrüstung (30 %) für die Umsetzung eines wirkungsvollen Hygienekonzepts zur Verfügung steht, dann ist viel getan. Für die restlichen 10 % wäre eine pauschale Anerkennung ausgewählter Krebserkrankungen als Berufskrankheit bei Feuerwehreinsatzkräften die richtige Lösung. Alternativ könnte es die Schaffung einer rechtlichen Grundlage zur Entschädigung sein.

Wir müssen alle umdenken! Selbst das Bundesministerium des Innern startete noch im Frühjahr 2019 eine Werbekampagne für neue Mitglieder in den Feuerwehren mit Bildern einer rußverschmierten Einsatzkraft.

Weitere Infos:

Ein Video von Versuchen zur Kontaminationsverschleppung durch die Einsatzkleidung gibt es von der Feuerwehr Palm Beach County, USA. Bei YouTube einfach mal mit dem Stichwort „The invisible danger of bunker gear transfer“ suchen.

Literatur:

vfdb-Merkblatt zur Einsatzhygiene: https://www.vfdb.de/fileadmin/Referat_10/Merkblaetter/Aktuelle_Endversionen/MB10_13_Einsatzhygiene_Ref10_2014_03.pdf
Piekuth, André: „Gefährlicher Brandrauch“ in Feuerwehr 10/2017, ab Seite 6
Bätge, Marcus: „Krebs und Feuerwehr“ in Feuerwehr 10/2017, ab Seite 10
Reuter, Jana; Tremmel, Thomas: „Einsatzstellenhygiene“ (Zusammenfassung der Ergebnisse einer Bachalorarbeit zur Einsatzstellenhygiene bei der Feuerwehr Ratingen) in Feuerwehr 5/2018, ab Seite 6.
Wagner, Stefan: „Die Gastgeber“ (FF Falkensee als Gastgeber für den Deutschen Jugendfeuerwehrtag 2017) in Feuerwehr 9/2017, ab Seite 28.
www.feuerwehr-falkensee.de

Stefan Wagner

 

Foto (Beitragsübersicht): © FF Falkensee

Mehr Infos

Sie wollen regelmäßig aktuelle Einsatzberichte, Techniknews und Fahrzeuginfos der FEUERWEHR erhalten? Dann melden Sie sich jetzt für unseren kostenlosen Whats-App- und E-Mail-Newsletter an!

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

„Null Euro“ für die Öffentlichkeitsarbeit

Die Öffentlichkeitsarbeit ist gerade für Freiwillige Feuerwehren ein wichtiges Thema. Eine…