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Kampf gegen die Flutkatastrophe nach Tief Bernd

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Es ist ein wahrer Einsatz-Marathon für Feuerwehren, Rettungsdienste und weitere Hilfsorganisationen. Und eine Tragödie für die Menschen vor Ort: Starker Regen verursachte eine wahre Flutkatastrophe in vielen Teilen Deutschlands. Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sind besonders stark betroffen. Die Zahl der Toten und Vermissten übersteigt jene des ‚Jahrhunderthochwassers‘ 2003.

Ratingen: Wassermassen stehen vor einem Wohnhaus. Foto: Feuerwehr Ratingen

Der Juli 2021 wird in Erinnerung bleiben. Nicht wegen des Ferienbeginns in vielen Bundesländern und nicht nur wegen der Coronapandemie: Tief Bernd traf besonders den Westen Deutschlands mit voller Wucht. Dabei vernichteten starke Regenfälle zahlreiche Städte, Häuser und Existenzen. Besonders schwer hat es Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen getroffen, doch auch Baden-Württemberg sowie einige Landkreise Nordbayerns (wir berichteten) sind betroffen und haben teils ebenfalls den Katastrophenfall ausgerufen. Wir haben einige Eindrücke von Feuerwehren vor Ort gesammelt.

Viele Tote und Vermisste

Zahlreiche Menschen verloren bei der Flutkatastrophe ihr Leben. Mit Stand am 16. Juli 2021, 13.19 Uhr, meldet die Tagesschau bereits 103 Todesopfer. Darunter befinden sich auch zwei Feuerwehr-Einsatzkräfte: Ein Feuerwehrmann ertrank in Altena. Ein weiterer kollabierte im Einsatz in Werdohl (beide Märkischer Kreis, NRW) und konnte nicht mehr reanimiert werden. DFV-Präsident Karl-Heinz Banse ist bestürzt über die große Opferzahl: „Vielfach war es leider nicht möglich, Betroffene lebend zu retten,“ so der Präsident, der betont: „Unsere Gedanken sind bei den Hinterbliebenen und bei den Einsatzkräften, die diese belastenden Situationen erleben.“ Der Deutsche Feuerwehrverband bittet alle Feuerwehren des Landes, zwei Wochen Trauerflor an den Einsatzfahrzeugen anzubringen.

Die Feuerwehren sind im Dauereinsatz, Kameradinnen und Kameraden arbeiten bis zur Erschöpfung. Vielfach leisten Feuerwehrangehörige aus weniger betroffenen Gebieten ihren Kameradinnen und Kameraden vor Ort überörtlich Hilfe. So rückten etwa rund 20 Angehörige der der Feuerwehren Calw, Bad Liebenzell und Gechingen gegen 21.30 Uhr am 15. Juli nach Hermeskeil (RP) aus. Sie führten auf Anhängern diverse Boote, Notstromaggregate und einen Lichtmast mit. Auf die Gerätewagen luden sie Schlauchmaterial, Pumpen, Sandsäcke und Benzikanister. Calws Stadtbrandmeister Dirk Patzelt führte den Zug an.

Am Feuerwehrhaus in Calw werden die Hilfsgüter verladen. Foto: Kreisfeuerwehrverband Calw

 

Essen: Schwimmende Baucontainer und Hubschrauberrettung

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Rettungsaktion: Zwei Personen werden aus dem Fährhaus Rote Mühle gerettet. Foto: Mike Filzen

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Aus diesem versunkenen Lkw konnte die BF Essen einen Hund retten. Foto: Feuerwehr Essen

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Die Feuerwehren in Essen haben allein zwischen 18.00 Uhr am 14. Juli und 18.00 Uhr am 15. Juli 2021 rund 340 Einsätze absolviert. Ein Einsatzschwerpunkt war ab ca. 21.00 Uhr am 14. Juli in Kupferdreh, nachdem dort der  Deilbach über die Ufer getreten war. Um die Bahnstraße herum versanken diverse Pkw und ein Wohnmobil in den Fluten. Gleichzeitig machten sich große Baucontainer einer Baustelle selbstständig, die wie Spielzeugboote davonschwammen.

Durch Stromausfälle räumte die Feuerwehr rund 30 Mehrfamilienhäuser, wobei vielfach der Einsatz eines Schlauchboots erforderlich war. Die Wassermassen unterspülten auch den Platz einer Spedition an der Prinz-Friedrich-Straße, wodurch ein kompletter Sattelzug im Boden versank. In dem Lkw befand sich ein Yorkshire Terrier, der in letzter Minute von der Berufsfeuerwehr vor dem Ertrinken gerettet wurde.  Am folgenden Tag machte dann der Pegel der Ruhr den Einsatzkräften sorgen. In Hattinen maßen sie einen Pegelstand von 7 m, ein Höchststand, der seit 80 Jahren nicht mehr erreicht worden war. Der Höchststand war gegen 14. 00 Uhr erreicht. Zwei Menschen saßen im Fährhaus „Rote Mühle“ fest. Ein Helikopter der Bundespolizei kam zum Einsatz, um sie zu retten. Dabei hatte ein Reh Glück im Unglück: Die Feuerwehrleute entdeckten das völlig entkräftete Tier bei der Lageerkundung und brachten es in Sicherheit.

Ratingen: Autobahntunnel und Keller geflutet

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Einsatz an der A 44. Foto: Feuerwehr Ratingen

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Die Kanalisation in Ratingen konnte die Wassermassen nicht aufnehmen. Foto: Feuerwehr Ratingen

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Die Kanalisation in Ratingen konnte die Wassermassen nicht aufnehmen. Foto: Feuerwehr Ratingen

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Die Feuerwehr Ratingen leistete ebenfalls zahlreiche Einsätze ab. Dort hatte der Starkregen unter anderem die Tunnel der Autobahn A 44 zwischen Ratingen und Düsseldorf geflutet. Drei Personen, deren Fahrzeuge im Tunnel liegen geblieben waren, musste die Feuerwehr mit einem Rettungsboot aus der A44-Unterführung A44 unter der A52 retten. Einsatzschwerpunkte lagen auch in Ratingen West und Tiefenbroich, nachdem dort der Schwarzbach, der Sandbach und der Haarbach an ihre Grenzen stießen. Da deren Kapazitäten erschöpft waren, war ein Entlasten der Kanalisation nicht möglich.

Nachdem das Wasser ein Trafohäuschen der Pumpstation des Regenrückhaltebeckens Niederbecksweg flutete, mussten die Stadtwerke die Anlage stromlos schalten Dadurch liefen rund 150 Keller voll Wasser. In Ratingen Tiefenbroich lief im Bereich Angermunder Weg die Anger über und flutete zahlreiche Häuser und Keller. Leider konnte die Feuerwehr auch dort nicht eingreifen, ehe die Pegelstände der Anger sanken. Denn die Kanalisation konnte die großen, nachfließenden Wassermengen in dieser Flutkatastrophe nicht mehr aufnehmen.

Dinslaken: Fleißige Helfer

Kindergartenkinder in Dinslaken befüllen einen Sandsack
Selbst sind die Kids: Kindergartenkinder in Dinslaken beim Befüllen eines Sandsacks. Foto: Feuerwehr Dinslaken

Die Feuerwehr Dinslaken rückte gegen 10.30 Uhr am 14. Juli neben anderen Einsatzstellen auch zur Kindertageseinrichtung Weyerskamp aus. Denn die Einrichtung drohte durch die großen Wassermengen geflutet zu werden.  Die Feuerwehr konnte Kanaldecke öffnen und so dem Eindringen des Wassers vorbeugen. Außerdem überließen sie der Einrichtung leere Sandsäcke, die die Kinder selbst mit Sand befüllten. So konnten sie bei Bedarf Türen und Fenster der Einrichtung schützen.  Daneben pumpten auch die Dinslaker Feuerwehrangehörigen einige Keller aus.

Erkrath: Menschenrettung geht vor

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Landunter: Die Einsatzstelle Mühlenstraße. Foto: Feuerwehr Erkrath

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Landunter: Die Einsatzstelle Mühlenstraße. Foto: Feuerwehr Erkrath

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In der Nacht auf den 15. Juli 2021 hat die Flutkatastrophe auch die Stadt Erkrath (LK Mettmann, NRW) getroffen. Weil es so viele Einsatzstellen gab, musste die Feuerwehr stark priorisieren. Dabei galt natürlich: Menschenrettungen hatten Vorrang. Die Gegenden um die Morper Allee, die Mühlenstraße und die Freiheitstraße in Alt-Erkrath waren besonders betroffen. Denn dort standen komplette Straßenzüge vollständig unter Wasser. Teilweise musste die Feuerwehr die Häuser mit Booten evakuieren. Die Einsatzkräfte brachten die Anwohner/-innen in der Realschule Hochdahl unter. Einige kamen auch privat unter.

Aktuell unbewohnbar ist beispielsweise die städtische Unterkunft an der Freiheitstraße, die mehrmals stark überflutet wurde. Vorerst brachte man die Bewohner/-innen des Hauses im Bürgerhaus unter, während weitere Unterbringungsmöglichkeiten in Prüfung gingen. Überflutungen fanden sich auch in der Stadthalle sowie im benachbarten Gerberplatz. Dort hatte die Feuerwehr zunächst einen Standort zur Sandsackbefülung eingerichtet, der aufgegeben werden musste. Außerdem kam es auch in Hochdahl zu Überflutungen. Dort wurden einige Souterrainwohnungen evakuiert. Weiterhin galt es, ein Überlaufbecken in Unterfeldhaus stückweise zu leeren, weil dieses zu Brechen drohte. Außerdem beschäftigten einige umgestürzte Bäume die Feuerwehr, die Teilweise Zufahrten blockierten und Häuser zerstörten.

Auch Stromausfälle machten den Bewohnern und Bewohnerinnen während der Flutkatastrophe zu schaffen: Denn durch die Überschwemmung traf auch Umspannwerke und Trafostationen. Außerdem war es teils nötig, den Strom ab zustellen. Stadtwerke und Feuerwehr arbeiteten hier Hand in Hand.

THW unterstützt

Einsatzkräfte des THW waren ebenso unermüdlich im Einsatz. Foto: Bundesanstalt Technisches Hilfswerk

Neben den Feuerwehren waren auch weitere Organisationen bei der Flutkatastrophe aktiv dabei. Etwa Kräfte des THW, darunter Helfer/-innen des THW Erlangen aus Schwabach, Erlangen und Baiersdorf. Sie waren seit Freitagfrüh (16. Juli 2021) im Katastrophengebiet. Dabei hätten sie ursprünglich an der Steinbachtalsperre aushelfen sollen. Durch die prekäre Lage in Erftstadt änderte sich der Einsatzort jedoch spontan. Denn dort musste schnell geholfen werden, als ein Seniorenheim wegen der Überschwemmung evakuiert und daraufhin die gefluteten Räume leergepumpt werden mussten.

Außerdem pumpten die THW-Helfer in der örtlich ausgefallenen Kläranlage knapp 15.000 /min ab und sorgten so dafür, dass die Kläranlage wieder in Betrieb genommen werden konnte.  Die Baiersdorfer Einsatzkräfte waren mit der Fachgruppe für Elektroversorgung seit der Nacht des 17. Juli 2021 im Einsatzgebiet. Dort sorgten sie unter anderem in Stolberg dafür, dass ausgefallene Trafostationen wieder liefen. Sie schlossen zahlreiche Hauptverteilerkästen erneut an das Ortsnetz an, um der Bevölkerung ihren Strom zurückzubringen. Auch die Fachgruppe Notversorgung und Notinstandsetzung aus Schwabach war in Stolberg eingesetzt. Sie stellen beispielsweise die Stromversorgung sicher und pumpten zudem eine überschwemmte Glasfabrik leer.

Sarah Altendorfer
Deutscher Feuerwehrverband
Udo Zink (KFV Calw e.V.)
Stephan Hinz-Sobottka (Feuerwehr Dinslaken)
Christoph Riße und Mike Filzen (Feuerwehr Essen)
David Marten (Feuerwehr Ratingen)
Annelie Schiller (THW-Regionalstelle Nürnberg)

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