Die Ursprünge der Brandstiftung (Teil I)

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Allein im Jahr 2022 wurden in Deutschland 20.871 Fälle von Brandstiftung polizeilich registriert. Dabei ist das kein Phänomen unserer Zeit. Seit der Mensch das Feuer entdeckt hat, hat er es für seine Zwecke missbraucht. Von Kaiser Nero bis zu Marinus van der Lubbe, der 1933 den Reichstag angezündet haben soll. Jeder von ihnen verfolgte ein Ziel. Die Motive für Brandstiftung waren vielfältig.

Brandstiftung: Rom brennt unter der Herrschaft von Kaiser Nero.
Umstritten: Bis heute streiten sich Historiker darüber, ob Kaiser Nero Rom mutwillig in Brand setzen ließ. Bild: (c) Kristian – stock.adobe.com

Inhalt

 

In einer kleinen Serie von Beiträgen soll dem Phänomen „Brandstiftung“ nachgegangen werden. Gegenstand ist die vorsätzliche Brandstiftung.
Warum legen Menschen vorsätzlich Feuer? Was geht dabei in ihnen vor? Diese u. ä. Fragen beschäftigen immer wieder neben Kriminologen, Juristen, Psychiatern auch Feuerwehrmänner und -frauen. Sie sind auch der Ausgangspunkt für die allgemeinen historischen Betrachtungen im ersten Artikel. Es folgt eine strafrechtliche und kriminologische Annäherung an das Thema in Teil II. Neben der Vielfalt von Tätertypen und Motiven wird im letzten Beitrag insbesondere auf Brandstiftungen durch Angehörige der Freiwilligen Feuerwehren eingegangen.

Götter als Brandstifter

Die Evolution des Menschen und seine Entwicklung sind auf das Engste mit der Gewinnung des Feuers verbunden. Es überrascht deshalb nicht, dass auch in allen bekannten Kulturen der Menschheit das Feuer Gegenstand von Mythen, Riten und Kulturformen war.

Bereits sehr früh wird jedoch nicht nur über die Gewinnung des Feuers durch die Menschen wie in der Prometheus-Sage oder im Agni-Mythos der indischen Veden erzählt, sondern auch über Brandstiftung berichtet, an denen sogar die Götter beteiligt waren. Der Gott der Bibel lässt zur Strafe für Sünde und Laster Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorrha regnen (1. Mose 19,24). Engel mit Feuer und Schwert werden zu Symbolen der strafenden Macht der Götter. Doch auch in den Sagen der Menschheit wird früh über Brandstiftungen berichtet: In der isländischen Frithjofs-Sage steckt König Helge das Anwesen Framnäs, das reiche Erbe Frithjofs in Brand, weil er ihm die Heirat seiner Schwester Ingeborg nicht gönnt.

Brandstiftung: 7 Beweggründe

Das Feuer ist ein Ursymbol für Wärme und Energie, aber auch für Reinigung. Im antiken Griechenland war das Feuer neben Wasser, Luft und Erde eines der Urelemente. Doch Feuer ist und bleibt eine schwer beherrschbare Naturgewalt. Segensreiche Entwicklungen und schreckliche Folgen sind mit ihm verknüpft.

Es wundert daher nicht, dass der griechische Schmiedegott Hephaistos, dessen Element das Feuer ist, gleichzeitig auch zum Schutz vor dem „bösen“ Feuer angebetet wurde. Angst und Schrecken verbreiteten immer wieder Feuersbrünste, die Folge von Brandstiftungen waren und bei denen viele Menschen ihr Leben lassen mussten. Die Feuer wurden von Menschen gelegt, aus materiellen, politischen und kriminellen Motiven:

1. Geltungssucht

356 v. Chr. wurde der Diana-Tempel zu Ephesus eingeäschert, eines der sieben Weltwunder der Antike. Der Brandstifter wurde berühmt als der erste Pyromane der Welt. Sein Motiv war Geltungssucht, er wollte durch seine Tat unsterbliche Berühmtheit erlangen. Bei seiner Hinrichtung wurde deshalb verfügt, dass es fortan bei Todesstrafe untersagt sei, seinen Namen auch nur auszusprechen. Der griechische Geschichtsschreiber Theopompos behauptete wenig später, der Name des Mannes sei Herostratos gewesen. In forensisch-psychiatrischen Gerichtsgutachten findet man als synonym für „aus Geltungsbedürfnis heraus“ daher heute auch das abgeleitete „herostratisch“.

2. Christenverfolgung

Der Brand Roms 64 n. Chr. war der größte der Antike: Von den 14 Bezirken der damals bereits über eine Million Einwohner zählenden Stadt wurden 10 fast vollständig vernichtet. Nach Überlieferungen des Historikers und Senators Tacitus war die öffentliche Meinung geteilt, ob Kaiser Nero den Brand habe legen lassen. Die übrigen zeitgenössischen Quellen (Plinius d. Ä., Sueton, Cassius Dio) bezichtigen eindeutig Nero der Urheberschaft. Der Brand wurde zum Anlass für die erste Christenverfolgung genommen. Es war aber auch dieser Brand, der zu den ersten baulichen Brandschutzvorschriften beim Wiederaufbau Roms führte.

3. Zerstörungslust

In den Bauernkriegen, in den Wirren nach der Reformation sowie schließlich im Dreißigjährigen Krieg waren Vernichtung und Tod durch Brandschatzungen marodierender Landsknechte an der Tagesordnung. Diese Brandlegungen erfolgten nicht etwa im Rahmen von Kriegshandlungen, sondern wurden zusammen mit anderen Verbrechen aus purer Zerstörungslust und Grausamkeit an den Bauern verübt. Den Brandschatzungen fielen im Dreißigjährigen Krieg auch ganze Städte – wie Wittenberg an der Elbe, Leipzig oder Magdeburg – zum Opfer. Die Brandstiftungen wurden auch später noch teilweise instrumentalisiert: „Setzt aufs Klosterdach den roten Hahn“ heißt es etwa im Lied „Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“, das während der Weimarer Republik geschrieben wurde und die Taten des Reichsritters Florian Geyer während des Bauernkriegs glorifiziert.

4. Umsturzfantasien

Am 5. November 1605 wurde in London durch einen anonymen Brief die sog. Pulververschwörung (Gunpowder Plot) entdeckt. In einem Kellergewölbe unter dem Parlamentsgebäude waren zwanzig Fässer mit Schießpulver versteckt. Die Regierung von König James I vermutete einen groß angelegten Umsturzversuch des katholischen Lagers. Die Verschwörer um Guy Fawkes gaben bis zu ihrer Hinrichtung jedoch keine Hintermänner preis. Noch heute findet an jedem 5. November die „Bonfire Night“ mit Feuerwerk und Fackelzügen statt.

5. Fanatismus

Ebenfalls Berühmtheit als Brandstifter erlangte Jonathan Martin (1782-1837). Mit 22 Jahren entwickelte er plötzlich extreme religiöse Ideen und hörte Stimmen. Wiederholt äußerte er, göttliche Eingebungen zu haben. 1829 steckte er die Kathedrale von York in Brand. Aufgrund von medizinischen Gutachten wurde er bis zu seinem Tode in einer Irrenanstalt untergebracht.

6. Taktische Brandstiftung

1812 brachten die Moskauer dem Feldzug Napoleons und seiner Grande Armée gegen Russland die dramatische Wende und Napoleon um seinen militärischen Erfolg. Weil sie ihre Stadt in Brand setzten, mussten der französische Kaiser und seine Truppen ohne Behausungen und Verpflegung überwintern. Als Initiator gilt der damalige Stadtkommandant Fjodor Wasiljewitsch Rostoptschin.

7. Politisches Kalkül

Am 27. Februar 1933 brannte in Berlin das Gebäude des Deutschen Reichstags. Der Prozess gegen den geständigen Marinus van der Lubbe und vier weitere Verdächtige fand von Oktober bis Dezember 1933 in Berlin und Leipzig statt. Das Verhalten von van der Lubbe während fast der gesamten Verhandlung gab Anlass zu vielfältigen Spekulationen über seinen Geisteszustand. Es wurde aber auch darüber spekuliert, ob er unter Drogen bzw. Medikamente gesetzt oder gar hypnotisiert worden war.

Ähnlich wie nach der Brandstiftung in Rom und der Pulververschwörung in London war der Reichstagsbrand der Anlass für die Verfolgung von politischen Gegnern. Den Nationalsozialisten gab er den Grund für die Ermächtigungsgesetze und die damit verbundene Auflösung des Reichstags – gleichbedeutend mit dem Ende der Weimarer Republik und der Demokratie für die nächsten zwölf Jahre in Deutschland.

Fazit

Diese tiefgehende Betrachtung der Brandstiftung durch die Zeiten hindurch offenbart, dass das Phänomen weit mehr als nur eine kriminelle Handlung ist: Es ist ein Spiegelbild menschlicher Emotionen, Absichten und Geschichte. Von den mythischen Erzählungen, in denen Götter Feuer zur Bestrafung und als Symbol der Macht nutzen, bis hin zu den berüchtigten historischen Ereignissen wie der Zerstörung des Diana-Tempels und dem Brand Roms, wird deutlich, dass Feuer und Brände stets eine zentrale Rolle in der menschlichen Erfahrung gespielt haben. Die Beweggründe für Brandstiftung sind vielschichtig und reichen von persönlicher Geltungssucht über politische und religiöser Fanatismus bis hin zu taktischen Kriegsmanövern.

Der Reichstagsbrand als katalytisches Ereignis für die Zerstörung der Demokratie in Deutschland demonstriert, wie Brandstiftung als politisches Instrument genutzt werden kann, um Macht zu erlangen und zu sichern. Insgesamt zeigt sich, dass Brandstiftung – ob als Akt der Zerstörung oder als Mittel zur Erreichung höherer Ziele – ein tief verwurzeltes, facettenreiches Element der menschlichen Geschichte und Psyche ist.

Im zweiten Teil dieser Serie sollen die Beweggründe es einzelnen noch einmal näher beleuchtet werden. Was treibt einen zu so einer Tat an? Was geht dabei in ihm vor?

dk (Redaktion)

 

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