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TECHNIK - 25. April 2022

Testbericht: Wärmebildkamera für die Hosentasche?

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Das Smartphone als Wärmebildkamera – möglich sollen es die „Compact“-Modelle von Seek Thermal machen. Die Redaktion hat die moderne Lösung in der Praxis getestet.


Erschienen in: FEUERWEHR Ausgabe 4/2022

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Hinweis
Liebe Leserinnen und Leser, in FEUERWEHR 4/2022 erschien dieser Artikel, in dem wir die Aufsatzkamera „Compact Pro“ (Seek Thermal) getestet haben. Im Zuge dessen wurden teilweise Vergleiche zum Modell „Eco“ des Herstellers Bullard gezogen. Dabei ging es uns insbesondere um den Vergleich der Aufsatz- mit einer „klassischen“ Standalone-Kamera, da sich beide Konzepte in der Handhabung sowie insbesondere in ihren Einsatzmöglichkeiten stark unterscheiden.
Da das schon ältere Modell „Eco“ (Baujahr 2014) nicht mehr dem aktuellen technischen Stand entspricht, sind Aussagen zum Vergleich der Bildqualität und technischen Ausstattung der Geräte nicht sinnvoll zu treffen. In einer kommenden Ausgabe werden wir einen vergleichbaren Bericht mit einem aktuellen Modell abdrucken. 

Smartphones sind Kommunikationsmedium, Navigationsgerät, Terminkalender und mehr. Im Feuerwehreinsatz haben sie eher nichts verloren. Oder?

Seek Thermal bietet mit den „Compact“-Modellen spezielle Aufsatzkameras für Smartphones an. In Verbindung mit einer kostenlosen App machen sie kompatible Geräte zur Wärmebildkamera (WBK). Die Hauptzielgruppe sind Handwerker/ -innen, Security- Personal und Tierbeobachter/- innen, doch auch Rettungskräfte sollen die moderne Lösung nutzen können. Die Preise liegen zwischen 289,00 und 589,00 Euro. Für die Nutzung wird die kostenlose Seek-Thermal-App benötigt. Nutzer/-innen müssen ihr Gerät registrieren und erhalten Updates und Tipps.

Die Wärmebildmodi

Mit der „Smartphone-WBK“ lassen sich Wärmebilder als Fotos oder Videos erstellen und teilen. Dafür gibt es verschiedene Modi:

  • Punkt-Modus: punktgenaue Temperaturbestimmung mittels Fadenkreuz
  • Hoch-Tief-Modus: Bestimmung der höchsten und niedrigsten Temperatur über zwei Fadenkreuze
  • Normal-Modus: Standardmodus mit farbiger Darstellung der Temperaturspanne; mit automatischer Belichtungssteuerung
  • Vollbild-Modus: erw. Standardmodus mit farbiger Darstellung der Temperaturspanne inkl. Anzeige aller Temperaturdaten
  • Schwellen-Modi: Anzeige der Temperaturen gleich, unter oder über einer individuell festgelegten Temperaturschwelle
  • Modus Thermal+: Hier werden Wärmebilder und reale Bilder in Echtzeit nebeneinander dargestellt.
  • Spanne-und-Aussteuerung-Modus (nur Compact Pro): gezielte und besonders detaillierte Darstellung eines individuell festlegbaren Temperaturbereichs
  • Regelung des Emissionsgrads (nur Compact Pro): Mit vier Voreinstellungen lässt er sich für exaktere Messungen der Temperatur kalibrieren.
Aufsteckkamera
Die Aufsteckkamera im Einsatz. Foto: Seek Thermal

Praxistest

Wir haben das Modell Compact Pro auf einem Samsung Galaxy Note 8 (Baujahr 2017) getestet. Als Vergleichsgerät diente die Standalone-Wärmebildkamera „Eco“ des Herstellers Bullard. [Dieses Modell stand bei der Testfeuerwehr als deren im Einsatz bewährte WBK zur Verfügung. Es stammt jedoch bereits aus dem Baujahr 2014. Vergleiche zu den technischen Leistungsparametern beider Geräte sind daher nicht sinnvoll möglich, wohl aber Vergleiche zur Handhabung und den möglichen Einsatzgebieten, Anm. d. Red.] Nach dem Anstecken war die Kamera sofort betriebsbereit und die App unkompliziert bedienbar. Zudem hilft eine gut bebilderte und verständliche Bedienungsanleitung.

Bildqualität/Darstellung

In puncto Bildqualität übertraf die Compact Pro das ältere Vergleichsgerät erwartungsgemäß deutlich: Mit 320 × 240 px Bildauflösung kann die Eco (160×120 px) nicht mithalten, das Bild der kleinen Smartphone-Kamera ist detailreicher. Anders sieht es bei der Bildwiederholungsrate aus: Die Compact Pro bietet lediglich 9 Hz, das Bild ruckelt. Die deutlich ältere „Eco“ lieferte hier mit einer Bildrate von 30 Hz ein wesentlich flüssigeres Bild. Sehr gut gefiel der Zoom, der sich intuitiv über Drehen der Kameralinse einstellen lässt. Auch der Autofokus funktionierte in der vom Hersteller angegebenen Detektionsdistanz zwischen 15 cm und 550 m gut.

Funktionalität

Eine WBK muss bei der Temperaturdetektion und deren Darstellung überzeugen. Und hier machte die Compact Pro einen guten Eindruck: Die Messergebnisse lagen schneller vor als bei der „Eco“ und waren präzise, es gab keine nennenswerten Abweichungen zwischen den Ergebnissen beider Kameras. Auch Wärmesignaturen nach der Berührung eines Gegenstands zeigt die Compact Pro zuverlässig an, ebenso wie Spiegelungen von Personen auf einer Glasfläche. Die angegebene Detektionsdistanz bis zu 550 m hielt die Kamera gut ein, auf weitere Distanzen wurden die Ergebnisse zunehmend unpräzise. Nutzer/-innen können für die Darstellung der Wärmebilder aus verschiedenen Farbmodi wählen. Hier empfiehlt es sich, selbst herauszufinden, welcher Modus die eigenen Anforderungen am besten erfüllt.

Groessenvergleich
Größenvergleich: Die Seek Thermal Compact Pro neben einer Standalone-WBK (Modell „Eco“ von Bullard). Foto: Sarah Altendorfer

Wärmebildmodi

Besonders interessiert haben uns die verschiedenen Wärmebildmodi. Unter den sieben unterschiedlichen Varianten findet sich für fast jede Anwendung eine passende. Wenn es genügt, die Temperatur an einem bestimmten Punkt oder die Temperaturspanne im Bildbereich zu kennen, reichen der Punkt- oder der Hoch-Tief-Modus aus, die beide funktionierten wie von anderen WBK gewohnt. Ist das gesamte Temperaturprofil einer Szene interessant, sind eher der Standard- oder Vollbildmodus die richtige Wahl, die die Temperaturspanne in unterschiedlichem Detailgrad anzeigen. Mit der Compact Pro lassen sich zudem gezielt bestimmte Temperaturbereiche suchen (Spanne- und-Aussteuerung-Modus) und die Präzision der Messergebnisse durch die Einstellung des Emissionsgrads erhöhen.

Die Modi „Normal“ und „Vollbild“ sind einander sehr ähnlich: Beide zeigen den gesamten Temperaturbereich im Bild in farblicher Abstufung an. Im Vollbildmodus ist die Beschriftung des Temperaturbereichs erheblich detaillierter, dafür ist das Bild im Normalmodus dank automatischer Belichtungssteuerung konsistenter.

Der nur für das Modell Compact Pro erhältliche Spanne-und-Aussteuerung-Modus erfordert erfahrenere Nutzer/-innen. Hier kann der gesamte anzuzeigende Messbereich (niedrigste und höchste Temperatur) individuell konfiguriert werden. Temperaturen in dieser Spanne werden farbig dargestellt. Das erhöht den Detailgrad innerhalb dieses Bereichs – aber auch nur dort (siehe Bilder unten).

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Nicht ganz überzeugen konnte der Modus „Thermal+“. Bei diesem Anzeigemodus greift die App neben der Aufsteckkamera auch auf die Gerätekamera des Smartphones zu, um Wärme- und Realbild in Echtzeit nebeneinander anzuzeigen. Leider befindet sich die Kamera bei den meisten Smartphones im oberen Bereich des Geräts, die Buchse, an der die Aufsteckkamera platziert werden muss, aber am unteren. Dadurch sind Wärme- und Realbild nicht parallel, sondern es werden etwas unterschiedliche Bildausschnitte nebeneinandergestellt. Hier spielt das genutzte Smartphone eine zentrale Rolle. Bei unserem Test unterschied sich auch der Zoom-Faktor der Wärmebildkamera von dem der Smartphonekamera.

Bewertung

Die Handhabung der Seek Thermal Pro war unkompliziert, die Messergebnisse wichen nicht von jenen des Vergleichsgeräts ab. Ein positiver Nebenbefund war das deutlich niedrigere Gewicht im Vergleich zur Standalone-WBK. So ist auch mit einer Hand eine ruhige Kameraführung gut machbar. Ein Nachteil liegt auf der Hand: Das Gerät eignet sich nicht für den Ersteinsatz bei Bränden,
besonders im Innenangriff. Die Compact Pro ist weder wasserdicht noch explosionsgeschützt – ebensowenig ist es (im Regelfall) das für die Nutzung nötige Smartphone. Wegen der Bedienung über das Display des Smartphones (mit Ausnahme des Zooms) ist die Compact Pro nicht mit Handschuhen bedienbar. Aber sie eignet sich für diverse andere Einsätze, etwa für die Suche nach Personen und Tieren, bei Verkehrsunfällen, für die Gerätewartung oder Brandnachschauen. Nützlich ist, dass die App automatisch eine Dokumentation ermöglicht.

Die Compact Pro kann also nicht alles leisten, was eine herkömmliche WBK für den Feuerwehreinsatz kann. Das ist auch nicht zu erwarten, wurde sie doch primär für andere Einsatzbereiche konzipiert. Trotzdem können auch Feuerwehren davon profitieren, etwa als kostengünstiges Zweitgerät oder als Arbeitsgerät für den Gerätewart/die Gerätewartin.

Sarah Altendorfer

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