Projekt „SPELL“: KI für Leitstellen

2024_03

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Um Künstliche Intelligenz (KI) kommt man kaum noch drumrum. Sie automatisiert Prozesse und unterstützt den Menschen in vielen Bereichen. Auch in den ohnehin oft schon überlasteten Rettungsleitstellen könnte sie Anwendung finden. Hier soll nun die KI-Plattform „SPELL“ für Abhilfe sorgen. Aber was kann sie und wo sind hier die Chancen?

Eine vollbesetzte Integrierte Leitstelle in Stuttgart.
Die Integrierte Leitstelle in Stuttgart. Foto: Feuerwehr Stuttgart (Symbolfoto)

Inhalt

KI ist gefragt

Leitstellen müssen täglich enorme Mengen an Informationen verarbeiten und auswerten. Allein im Raum München können täglich bis zu 3000 Notrufe in der Leitstelle eingehen. Daraus werden dann etwa 1000 Einsätze generiert. Bei Natur- und Umweltkatastrophen schießt die Zahl der Meldungen und der folgenden Einsätze meist noch mehr in die Höhe. Um den ohnehin schon ausgelasteten Leitstellen unter die Arme zu greifen, startete die Bundesregierung unter der Leitung des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), zusammen mit Partnern aus der Forschung, Entwicklung und Anwendung, das Projekt „SPELL“.

Was ist SPELL?

Startschuss für das Projekt fiel im Juni 2021 und die Laufzeit beträgt drei Jahre. Satte 12 Millionen Euro stellt das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) zur Verfügung. Ausgeschrieben steht SPELL für: „Semantische Plattform zur intelligenten Entscheidungs- und Einsatzunterstützung in Leitstellen und beim Lagemanagement“. Das Ziel ist hochgesteckt: SPELL soll die zentrale, auf Künstlicher Intelligenz basierende Informationsplattform für rund 250 Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) in Deutschland werden.

Kurz gesagt – SPELL ist eine Plattform, die semantische Technologien nutzt, um Daten zu verstehen und sie auf intelligente Art und Weise miteinander zu verknüpfen. Semantische Technologien sind Programme, die darauf abzielen, die Bedeutung und den Kontext von Informationen zu verstehen, ähnlich wie Menschen es tun. Sie ermöglichen es Computern, komplexe Daten zu interpretieren, um nützlichere Suchergebnisse zu liefern, Fragen zu beantworten oder Verbindungen zwischen verschiedenen Informationsquellen herzustellen. Diese Technologien können den Kontext von Informationen erkennen, um sie aussagekräftiger zu machen. Zum Beispiel wird eine Meldung über ein verunglücktes Fahrzeug aussagekräftiger, wenn bekannt ist, dass es sich beispielsweise um einen Gefahrguttransport in einem Wasserschutzgebiet handelt.

KI als Einsatzkraft

Viele Leitstellen können ihre Technologien nicht miteinander verbinden, da sie unterschiedliche Systeme verwenden. Beispielsweise haben Rettungsdienste, Polizei und Feuerwehr oft noch getrennte Leitstellen. In den letzten 15 bis 20 Jahren kam jedoch Bewegung in die Leitstellenlandschaft. Es entstehen immer mehr so genannte Integrierte Leitstellen (ILS). In diesen sind meist Feuerwehr und Rettungsdienst zusammengeschlossen, nur selten ist die Polizei mit an Bord.

Aber hier liegt das Problem. Es gibt zu viele Anbieter mit spezialisierten Lösungen, aber wenig Standardisierung. Das führt zu Komplikationen bei der Daten- und Systemsicherheit. SPELL löst dieses Problem, indem es alle Leitstellensysteme über eine zentrale Plattform verbindet. Dadurch können Daten sicher und situationsgerecht ausgetauscht werden. Zusätzlich können zusätzliche KI-Tools für das Lagemanagement integriert werden, die verschiedenen Nutzern Vorteile bieten.

Sicherer Datenaustausch

Die SPELL-Plattform sammelt Daten von verschiedenen Quellen, wie z.B. von Leitstellen und anderen wichtigen Stellen. Diese Daten werden dann mit zusätzlichen Informationen, wie Beiträgen aus sozialen Medien, Wetter- und Verkehrsdaten, kombiniert. Diese angereicherten Informationen werden dann an Nutzer, wie z.B. BOS-Leitstellen, zurückgegeben.

Die Art und Weise, wie Daten ausgetauscht werden, ist sicher und umfassend definiert. Die gesamte Struktur der Plattform basiert auf GAIA-X, einem europäischen Projekt zur Schaffung einer sicheren, föderierten Dateninfrastruktur, die digitale Souveränität und Dateninnovation fördert. Damit sind die Daten geschützt und unter Kontrolle. Außerdem können so leicht neue Teilnehmer in das System integriert werden.

Krisenmanagement in Leitstellen

Eine Leitstelle hat nicht nur die Alarmierung und Notrufannahme zur Aufgabe, sie koordiniert auch Einsätze, kommuniziert mit Dritten, wie z.B. Krankenhäusern, und behält dabei den Überblick über die verfügbaren Ressourcen im Einzugsgebiet. Somit ist es unerlässlich, dass die Leitstelle Zugriff auf Echtzeitdaten hat und gegebenenfalls schnell auf überlastete Notaufnahmen oder technische Probleme, wie einen defekten Computertomografen, reagieren kann.

Mit der Einführung eines neuen KI-Systems sowie Veränderungen und Automatisierungen in Prozessen, erhöhen sich auch die Qualifikationsanforderungen an die Disponentinnen und Disponenten in Leitstellen. Ein im August 2023 erschienenes Positionspapier des DFV und der AGBF beleuchtet diese Anforderungen.

Es hebt hervor, dass sich die Rolle der Leitstellen von der reinen Bearbeitung von Notrufen hin zu einem umfassenden Krisenmanagement entwickelt hat. Dieser Wandel erfordert neue Qualifikationen für die Disponentinnen und Disponenten, um effizienter und differenzierter auf die Anforderungen reagieren zu können. Automatisierte Prozesse werden als notwendig erachtet, um die Arbeitsplätze attraktiv zu gestalten und Personal zu binden.

 

Fazit

Die Digitalisierung schreitet voran. Auch in Leitstellen. Die Feuerwehr ist dabei Vorreiter mit Projekten wie der Feuerwehrapp oder dem Einsatz von VR-Brillen bei Übungen. Das Projekt SPELL soll die Arbeit in den Leitstellen revolutionieren. Durch eine semantische Plattform werden Daten intelligent verknüpft, was die Entscheidungsfindung und den Datenaustausch zwischen verschiedenen Notfalldiensten verbessert. Dies führt zu effizienterem Krisenmanagement und stärkerer Vernetzung der Rettungsdienste. Langfristig könnte SPELL so die öffentliche Sicherheit erhöhen und eine effektivere Reaktion auf Großereignisse und Katastrophen ermöglichen. Aber insgesamt werden Leitstellen immer digitaler.

Das Konsortium:
• Landesverband Rheinland-Pfalz e.V.
• Empolis Information Management GmbH
• Fraunhofer Institut für Experimentelles Software Engineering IESE
• Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS
• Universität Darmstadt (TUDA)
• Verband für Sicherheitstechnik (VfS)
• Advancis Software & Services GmbH
• ISE Informatikgesellschaft für Software-Entwicklung mbH
• LiveReader GmbH
• Corvevas GmbH & Co. KG
• apheris AI GmbH
• BASF SE, AP/CM
• Deutsches Rotes Kreuz

dk (Redaktion)

Quellen

 

 

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